Sonntag, 22. November 2015

Finale

Guten Tag alle miteinander,


ich schaffe es nun endlich wieder, einen letzten Blogeintrag hier in Indien zu verfassen.
In den letzten zwei Wochen war ganz schön viel los und zwischendurch hat auch noch das Internet gestreikt. Gerade geht es, wenn auch nur sehr gemächlich....ich denke, es liegt am Regen. Außerdem hatte ich meine erste, indische Erkältung, die doch ein bisschen länger angedauert hat, als ich davor erwartet hätte und mich an mein Bett fesselte.

Nun bin ich also nur noch wenige Tage hier in Shevgaon und bald geht es für mich dann in den Süden Indiens. Dort werde ich dann noch knappe vier Wochen umherreisen, bevor es für mich kurz vor Weihnachten wieder nach Deutschland geht.

Aber zuerst kann ich euch ja noch ein bisschen erzählen, was in den letzten Wochen passiert ist.

Nachdem ich eine Woche im Social Department geholfen habe, ging es für mich dann auf die Wochenbettstation: Ward 3. Ich, als examinierte Hebamme, konnte dort nicht wirklich viel helfen, was auch damit zusammenhängt, dass das Personal dort ausschließlich Marathi spricht und die Verständigung darum sehr schwierig war. Trotzdem war es aber interessant, den ganz normalen Stationsalltag zu beobachten. Bis dahin war ich ja nur im Kreißsaal und da Babys rund um die Uhr zur Welt kommen, gibt es einen wirklichen „Alltag“ dort fast nicht.
Der tägliche Ablauf auf Station ist eigentlich sehr klassisch: Morgens werden alle Frauen „durchgemessen“, es wird nach der Heilung eventueller Geburtsverletzungen geschaut, Infusionen und Medikamente werden verteilt und alle Babys werden von den Schwestern gewaschen. Die Frauen bleiben nach einer normalen Spontangeburt meistens drei Tage im Krankenhaus und werden in dieser Zeit von ihren Angehörigen gehegt und gepflegt. Neben einem Laken stellt das Krankenhaus nichts, sodass sowohl Bettzeug, als auch Verpflegung, von den Familien in Krankenhaus gebracht werden. Das ergibt eine herrlich trubelige, bunte, gut riechende Mischung.
Es ist auf jeden Fall immer wieder erstaunlich, wie viel die Schwestern und Ärzte hier mit dem zur Verfügung stehenden Material erreichen. Not macht erfinderisch und darum gibt es einige Ideen, die ich auf jeden Fall mit nach Deutschland nehmen werde.

In der darauffolgenden Woche war ich dann in Pathardi. Es wurde schon in einem anderen Blogeintrag von einer Freiwilligen beschrieben: Das Krankenhaus in Pathardi ist mehr so, wie ein Geburtshaus bei uns. Es wird geleitet von Sister Augustina, die Ärztin und auch Nonne ist und mit drei anderen Schwestern gemeinsam in Pathardi lebt. Neben dem Krankenhaus gibt es auch noch eine Kirche, ein Mädchenwohnheim und ein Jungenwohnheim. Die Kinder waren gerade nicht da, weil sie Ferien hatten. Darum war alles sehr, sehr ruhig. Das Kloster in Pathardi ist sowieso sehr ruhig gelegen und ein sehr friedvoller Ort. Jährlich kommen hier ungefähr 3000 Kinder zur Welt. Jede Frau, die mit Wehen vor der Tür steht, wird sehr ausführlich untersucht. Dann wird entschieden, ob sie ihr Kind in Pathardi bekommen kann. Denn es gibt keine Möglichkeit, einen Kaiserschnitt zu machen, sodass im Notfall nur eine Verlegung in Frage kommt. Die meisten Frauen dürfen aber bleiben und sind darum sehr froh. Sie kommen teilweise von sehr weit entfernten Dörfern und machen sich schon einige Tage vor dem errechneten Geburtstermin auf den Weg, um nicht zu spät zu kommen. Die Preise für eine Geburt sind in Pathardi sehr gering und außerdem hat die Arbeit von Sister Augustina regional einen überaus guten Ruf. Wenn die Geburt noch ein wenig auf sich warten lässt, schlafen die Frauen ein paar Tage vor dem Krankenhaus. Extra dafür wurde eine Art Riesencarport errichtet, damit die wartenden Familien ein Dach über dem Kopf haben. Außerdem stehen Toiletten und Trinkwasser zur Verfügung. Bei so vielen Menschen, ist vor dem Krankenhaus immer was los: Irgendwer kocht immer Irgendwas, die Kinder spielen und es wird sehr viel geredet und gelacht. Eine sehr schöne Stimmung!
Auch für mich als Hebamme war die Zeit in Pathardi wirklich toll. Ich konnte sehr, sehr viel sehen, lernen und wirklich helfen. Tag und Nacht hat Sister Augustina mich gerufen, wenn es einen spannenden Fall im Kreißsaal gab. Und zwischendurch war ich auch im Kreißsaal, habe in meinem Zimmer gelesen oder Spaziergänge gemacht.
Wenn also jemand von euch Hebamme ist und darüber nachdenkt, nach Shevgaon zu kommen: Ihr müsst UNBEDINGT nach Pathardi! Für Hebammen ist das paradiesisch.

An den letzten Tagen arbeite ich nicht mehr im Krankenhaus. Ich werde noch sehr viel mit den unterschiedlichsten Leuten reden, um mehr über das Thema meiner Bachelorarbeit zu erfahren (ganz grob: Bedeutung und Folgen der Geburt eines Mädchens). Außerdem packe ich meine Sachen, organisiere Dies und Das und genieße manche Dinge ganz besonders aufmerksam, da ich sie ja vielleicht das letzte Mal sehe!

Krass! Jetzt ist eine Zeit hier wirklich schon rum. Es fühlt sich ganz und gar nicht so an, als wäre ich insgesamt drei Monate hier gewesen. Die Zeit ist so schnell vergangen! Es gab für mich soviel zu sehen, zu entdecken und zu erkunden, dass ich wohl noch ein paar Monate brauche, eh ich das alles wirklich verstanden habe. Aber es war toll! Die Zeit hier mit den Nonnen, die Ausflüge, die Arbeit im Krankenhaus, das Essen, die Freundlichkeit der Menschen… Die Dinge, die ich in meinen Einträgen beschrieben und erwähnt habe, stellen nur gefühlte 5% (...sorry...) meiner wirklichen Erlebnisse hier dar. Und ich kann darum jedem nur empfehlen, es mir gleich zu tun. Es gibt, glaube ich, nur zwei Dinge, die für einen tollen Aufenthalt hier, vorhanden sein müssen: 1. Die (wirkliche) Lust darauf, etwas ganz Neues und Besonderes zu erleben. 2. Die (wirkliche) Offenheit für Dinge, die ganz anders laufen werden, als man es sich je zu träumen gewagt hätte.

Indien ist ein tolles, wahnsinniges Land! Es hat mich verzaubert und ich plane schon, wann ich das nächste Mal herkomme….nach Indien, Shevgaon und Pathardi. Darum gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits liegt vor mir nun eine lange Reise, in der ich noch ganz andere Dinge sehen und erleben werde, bevor ich im Dezember dann endlich meine Familie wiedersehe. Andererseits war die Zeit hier aber wirklich einmalig schön und hat mich als Hebamme und als Mensch ein bisschen verändert... im positiven Sinne.

Als letztes möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Helfern von INGEAR e.V. bedanken, die mir diese tolle Zeit hier ermöglicht habe. Danke! Danke! Danke!

Eure Sophie

Mittwoch, 4. November 2015

Sozialarbeiter-Tour

Guten Tag alle miteinander,


nun ist die Zeit gekommen, in der ich den Kreißsaal hinter mir gelassen habe und beginne, einen Einblick in andere Arbeitsbereiche zu bekommen.

Aber erstmal habe ich am Wochenende einen Apfelkuchen für die Nonnen gebacken. Das war wirklich schön und für mich eine tolle Aufgabe. Ich stand in der Küche, in der halt normalerweise für über 100 Menschen gekocht wird, habe Teig geknetet, Äpfel geschält und den kleinen Kuchen in den indischen Ofen geschoben. Ein ganz besonderes Erlebnis hatte ich auf der Gewürzebene: Weil Zimt einfach in einen ordentlichen Apfelkuchen gehört, hat mir Sister Mary ein paar Stücke gereicht, die ich erst noch mahlen musste. Und der Geruch, der da aus der Mahlmaschine kam, war wirklich unglaublich! So intensiv und...boah! Ich koche und backe auch in Deutschland sehr gern und habe mir bis jetzt eingebildet, dafür gute Gewürze zu verwenden. Aber nach diesem Zimterlebnis ist mir klargeworden, wie viel Luft da nach oben noch ist.
Auf jeden Fall war der Kuchen sehr lecker, die Nonnen haben sich gefreut und ich soll das Rezept hier lassen. Falls jemand von euch auch mit dem Gedanken spielt, eine zeitlang hier zu leben: Ein gutes, einfaches Kuchenrezept im Gepäck ist eine prima Idee. Denn die Nonnen sind darüber wirklich sehr fröhlich.


Seit Montag bin ich nun mit den Sozialarbeitern unterwegs. Sie brechen jeden Morgen (mit viel Gesang und indischen Köstlichkeiten) auf und besuchen mit monatlicher Regelmäßigkeit die umliegenden Dörfer. Auf dem Programm steht: Schwangerenvorsorge, Impfen von Kindern, Wochenbettbetreuung und eben einfach das Besuchen der Dorfbewohner. Im Mittelpunkt stehen natürlich immer Frauen und Kinder. Das ganze funktioniert nur mit Hilfe von den sogenannten „Health Care Workers“. Das sind Frauen, die in den Dörfern wohnen und im ständigen Kontakt mit den Krankenhausmitarbeitern stehen. Sie haben einen sehr guten Überblick über die Abläufe im Dorf, wissen, wer schwanger ist, wie es welchen Familien geht und auf was man vielleicht besonders achten sollte. Außerdem passen sie auf, dass keine Familie bei den monatlichen Besuchen vergessen wird und alle registriert werden und bleiben. Neben der gesundheitliche Versorgung klären die Sozialarbeiter natürlich auch über Dinge (wie zum Beispiel Wasserversorgung) auf und setzen sich dafür ein, dass Menschen aus niedrigeren Kasten, oder Mädchen, mehr Rechte erlangen und gefördert werden.

Ich muss wirklich sagen, dass mich diese Arbeit sehr, sehr beeindruckt. Wie schon so oft in meinen letzten Wochen (und Monaten) hier, habe ich auch in dieser Woche wieder das Gefühl, dass es im Zusammenhang mit dem Nityseva Hospital sehr viele Menschen gibt, die mit sehr viel guten und wichtigen Ideen Großes vollbringen. Daneben fühle ich mich manchmal völlig nutzlos.


In der nächsten Woche werde ich dann in Pathardi und auf der Wochenbettstation hier im Nityaseva Hospital helfen. Und für meine letzten Tage hier habe ich mir etwas ganz Besonderes überlegt: Ich werde ein bisschen in der Küche beim Kochen und Chapati machen über die Schultern der "Mauschis" schauen. Also den Frauen, die hier alles sauber halten und für das Essen zubereiten. Vielleicht kann ich dann, wenn ich wieder in Deutschland bin, ein echtes, indisches Mahl kochen. Das wäre sehr schön! Von all diesen Dinge erzähle ich natürlich später mehr.

Jetzt werde ich noch zu einem kleinen Abendspaziergang aufbrechen und mir ganz langsam überlegen, was ich nach Deutschland mitnehme. Es ist nämlich so, dass man auf den innerindischen Flügen nur 15 Kilogramm Gepäck bei sich haben darf. Nicht, wie auf den internationalen Routen: 23. Zum Glück wusste ich das vorher, ansonsten wäre es sehr teuer geworden. Damit ich die 15 Kilo auf dem Rückflug nicht überschreite (was nach dem ganzen Geshoppe auf jeden Fall der Fall wäre), wollte ich mir selbst ein Paket nach Deutschland schicken. Das wiederum sollte man lieber aus eine größeren Stadt, wie zum Beispiel Pune, machen. Da bin ich nächste Woche. Bis dahin muss das Paket also fertig gepackt sein. Außerdem sollte man immer auch ein ganz kleines bisschen davon ausgehen, dass die Fracht eventuell nicht (oder nicht vollständig) ankommt. Darum sollte man nichts schicken, was einem zu viel bedeutet und mit einem gewissen Herzblut verbunden ist. Aber auch diese Sache werde ich organisiert bekommen. Ganz sicher!

Viele Grüße aus Shevgaon,

Sophie