Freitag, 28. Dezember 2012

Hallo zusammen,

meine Arbeit im Nityaseva Hospital liegt nun genau eine Woche zurueck. Mittlerweile bin ich im Sueden Indiens angelangt und im Moment sitze ich in einem Bastsessel am weissen Sandstrand unter Palmen, trinke Zitronenlimonade und hoere dem Rauschen der Wellen zu. Die perfekte Kulisse, um ein paar abschliessende Gedanken zu meinem Auslandseinsatz in Worte zu fassen.

Wenn ich mich im Nachhinein frage, was eigentlich genau meine Erwartungen waren, bevor ich nach Indien gekommen bin, kann ich das gar nicht mehr so genau sagen. Sie sind den ganzen Bildern, Geschichten und Eindruecken gewichen, die ich in dieser Zeit sehen, hoeren und erleben durfte. In einem Punkt bin ich mir aber ganz sicher: Ich haette nie gedacht, dass ein Trip nach Indien so unkompliziert sein kann. Die Organisation hat kaum Aufwand erfordert und war absolut ausreichend. Meine Anreise verlief ohne Probleme, von Anfang an war fuer meine Unterkunft und Verpflegung gesorgt, meine Arbeit im Krankenhaus wurde mit Ruecksicht auf meine Wuensche geplant, kurz: es haette nicht einfacher sein koennen. Dadurch konnte ich mich von Anfang an auf die Arbeit konzentrieren, was mir natuerlich sehr entgegen kam.

Was mir im Krankenhaus besonders aufgefallen ist, dass mich das nachlaessige Arbeiten und der unfreundliche Umgang mit den Patienten irritiert haben, ich dagegen grossen Respekt davor habe, wie gut alles als Gesamtes betrachtet doch funktioniert, habe ich in meinen Berichten mehrfach ausgefuehrt. Dennoch halte ich ein paar Dinge fuer erwaehnenswert, die mir erst am Ende meiner Zeit in Shevgaon wirklich deutlich geworden sind. Ich habe immer wieder erzaehlt, wie sehr man sich darum bemueht hat, mir alles zu zeigen, was es im Krankenhaus interessantes zu sehen gibt. Es schien den Schwestern auch Spass zu machen, mich ueberall miteinzubeziehen und mir das Krankenhaus von seiner besten Seite zu zeigen. Allerdings hat man auch immer wieder betont, dass man das alles nur mache, weil ich in der Ausbildung zur Krankenschwester und damit eine "medical person" sei. Gegen Ende meines Aufenthaltes bin ich mit einer Krankenschwester ins Gespraech gekommen, die sich sehr bitter darueber ausgelassen hat, wie viele junge Europaeerinnen ohne Ausbildung zu ihnen kommen und glauben, ueberall mitmischen und sozusagen auch mal Arzt spielen zu duerfen, nur weil sie in einem Land seien, von dem sie glauben, es habe sowieso keinerlei Versorgungsstandards. In unseren Laendern wuerde das ja auch keiner zulassen. Es hat mir sehr Leid getan, dass sie das so gesehen hat, und ich habe versucht, ihr zu erklaeren, dass das sicher nicht die alleinige Intention der Besucherinnen sei, sondern dass viele lediglich versuchen, das Sammeln medizinischer Erfahrung mit Reisen zu verbinden. Doch leider muss ich auch zugeben, dass ihre Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Viele Menschen hier scheinen sich sehr schmerzlich darueber bewusst zu sein, was man bei uns fuer ein Bild von ihrem Land hat, und sind sehr bemueht darum, einen serioesen Eindruck zu hinterlassen. So wurde ich zum Beispiel mehrfach darum gebeten, nur schoene Bilder vom Krankenhaus zu zeigen und nichts Schlechtes zu erzaehlen. Sicher entsprechen meinen Berichte diesem Wunsch eher weniger, aber ich habe mich bemueht, ein realistisches Bild von diesem Ort zu entwerfen und hoffe, dabei allen gerecht geworden zu sein. Man muss an dieser Stelle vielleicht dazu sagen, dass auch ich oft auf Menschen gestossen bin, die ein sehr verzerrtes Bild von Europa und vor allem von Europaeerinnen haben. Natuerlich wird dieses Bild massgeblich von Touristinnen mit gepraegt. So glauben zum Beispiel viele junge Maedchen, dass wir in Europa im Bikini zur Schule gehen, immerhin gehen die Frauen in Goa ja auch im Bikini einkaufen. Oder man glaubt, dass es Gang und Gaebe sei, dass Frauen auf Partys oben ohne tanzen um spaeter irgendeine fluechtige Bekanntschaft mit aufs Hotelzimmer zu nehmen. Da wundert man sich auch kaum noch ueber die teilweise wirklich dreisten Annaeherungsversuche vieler Maenner. Ueber europaeische Maenner habe ich interessanterweise nie solche Geschichten gehoert. Offensichtlich misst man deren Verhalten nicht die gleiche skandaloese Bedeutung bei.

Wenn ich darueber nachdenke, was dieser Auslandseinsatz mir persoenlich gebracht hat, fallen mir auf Anhieb zwei wesentliche Punke ein: ich habe viel Beruehrungsaengste verloren und ich habe gelernt, mich bei voelliger Ahnungslosigkeit bestmoeglich zurechtzufinden und anzupassen.
An einer Stelle habe ich bereits geschildert, wie viel Unsicherheit bei uns oft herrscht, und wie sich diese Unsicherheit manchmal schon fast laehmend auswirken kann. Auch wenn ich mir nie Sorgen wegen Zaehneputzen gemacht habe, bin auch ich sicher nicht frei von solchen Aengsten gewesen. Hier habe ich so viele Menschen gesehen, die einfach tun, was sie gelernt haben, auch wenn sie nicht annaehernd ein tieferes Verstaendnis dafuer besitzen. Ich habe zur Genuege demonstriert bekommen, dass es viel seltener zu wirklich drastischen Komplikationen kommt, als ich angenommen habe, und selbst dann muss man sich vielleicht sagen, dass es der Versuch wert war. Dass es natuerlich in jedem Fall vorzuziehen ist, Dinge zu tun, die man auch verstanden hat, erwaehne ich nur der Form halber. Trotzdem wuerde ich jetzt im Zweifelsfall immer eher das Wenige tun, was ich kann, auch auf die Gefahr hin, einen Fehler zu machen, als gar nichts zu tun. Natuerlich nur, wenn es wirklich darauf ankommt.
Sich bei voelliger Ahnungslosigkeit anpassen zu koennen klingt zunaechst nicht unbedingt nach einem erstrebenswerten Ziel. Und doch glaube ich, dass ich es unter anderem dieser Faehigkeit zu verdanken habe, dass ich mich ueberall so schnell zurechtgefunden habe. Ich habe immer versucht, soweit es bei meinem auffaelligen Aeusseren eben geht, moeglichst wenig Aufsehen zu erregen, bin ueberall ganz selbstverstaendlich mitgegangen und habe mich bemueht, nie sonderlich erstaunt oder gar schockiert zu wirken. Je besser mir das gelungen ist, desto selbstverstaendlicher hat man mich auch mitarbeiten lassen. Sobald ich irgendwo eine Spur zuviel Unsicherheit oder Verwirrung gezeigt habe, hat sich das sofort auf die Krankenschwestern uebertragen. Vielleicht muss ich an dieser Stelle noch einmal erwaehnen, dass wir uns kaum mit Worten verstaendigen konnten. Einfach mitzuarbeiten war auf jeden Fall das Beste, was ich tun konnte, und im Nachhinein kann ich es kaum glauben, dass ich auf keiner Station laenger als vier Tage war.

Natuerlich habe ich von diesem Einsatz auch in vielerlei mehr Hinsicht profitiert, aber das wuerde den Rahmen nun endgueltig sprengen. Die Kombination der Arbeit, durch die ich einen so besonderen Einblick in dieses Land gewinnen konnte, mit meinem anschliessenden Urlaub, der mich durch eine unbeschreibliche Vielzahl an verschiedenen Landschaften fuehrt, machen diese Reise fuer mich zu einem absolut unvergesslichen Erlebnis. Ich danke euch, dass ihr mich auf dieser Reise ein Stueck weit begleitet habt und freue mich darauf, euch bald alle wiederzusehen!

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Hallo zusammen,

meine Taschen sind gepackt und mein Zimmer ist schon fast geraeumt - morgen frueh beginnt meine Reise in den Sueden.

Meine letzten Tage im Krankenhaus waren eher unspektakulaer, aber dafuer nett und entspannend. Vormittags habe ich die Krankenschwestern aus dem "Social Department" in die umliegenden Doerfer begleitet. Dort bieten sie ein mal im Monat eine medizinische Basisversorgung an: Tabletten, Salben und Impfungen werden verteilt, Hepatitis B und HIV Tests durchgefuehrt und schwangere Frauen bekommen eine Routinekontrolle. Patienten mit komplizierteren Krankheitsbildern wird ein Besuch im Krankenhaus empfohlen, bei ganz akuten Zustaenden werden sie machmal auch gleich mitgenommen. Eigentlich eine tolle Einrichtung, da man so viele Menschen erreicht, die sonst sicher nie einen Arzt aufgesucht haetten, sei es aus finanziellen Gruenden oder weil es vor allem auf dem Land einfach nicht ueblich ist, zum Beispiel wegen einer Schwangerschaft jemanden hinzuzuziehen. Leider geht auch hier immer wieder vieles durcheinander. So hat eine Krankenschwester drei Kindern ein Medikament, das zur subkutanen Injektion gedacht ist, intramuskulaer gespritzt, bevor ihre Kollegin sie darauf aufmerksam machte, dass sie die falsche Ampulle in der Hand haelt. Die Tabletten sind teilweise kaum voneinander zu unterscheiden und werden, wenn sie erst mal durcheinander gekommen sind, einfach wieder irgendwo dazugelegt. Ich finde das ja nach wie vor etwas gruselig, aber ich muss auch zugeben, dass meine Sorgen sich bisher meistens als unnoetig erwiesen haben. Der Koerper scheint doch mehr zu verkraften, als ich ihm so zutraue. Zumindest versuche ich mir das vor Augen zu halten, wenn abends in meinem Kopf all die kleinen Missgeschicke des Tages herumspuken. 

Die Krankenschwestern bei der Arbeit...


...und bei den Einkaeufen, die sich hier gut mit der Arbeit verbinden lassen.
Meistens habe ich aber weniger Zeit mit Arbeiten zugebracht, als mit Streifzuegen durch die Doerfer. Irgendjemand hat sich immer gefunden, der mich  mitgenommen hat, um mir die Tempel zu zeigen oder mich auf einen Tee zu sich nach Hause einzuladen. Diese Einladungen habe ich immer sehr genossen, ich wurde ueberall so herzlich und doch mit einer so grossen Selbstverstaendlichkeit empfangen, dass ich mich sofort wohl gefuehlt habe. Man hat mir einen Platz zugewiesen, mir einen Tee gebracht und ist weiter seiner Arbeit nachgegangen. Und irgendwann hat man mich wieder verabschiedet, mir einen roten Punkt auf die Stirn gemalt als Zeichen des Willkommenseins und mich wieder zurueckgebracht.
 





Die Nachmittage habe ich dann in der Kueche mitgeholfen, vor allem beim Chiapati rollen, worin ich - wenn man den Koechinnen glauben darf - wohl eine Art Naturtalent bin. Tatsaechlich waren sie schon ziemlich rund. Die Koechinnen versorgen hier jeden Tag etwa 200 Leute, neben den Ordensschwestern die Krankenschwestern, Schwesternschuelerinnen, Arzte und diejenigen Patienten, die sich nichts zu essen leisten koennen. Trotzdem geht es in der Kueche immer gemuetlich und lustig zu, ein guter Ort, um sich nachmittags die Zeit zu vertreiben.

An einem Abend bin ich zum Singen mit in die Doerfer gegangen. Vor Weihnachten gehen die Schwestern jeweils mit einer Gruppe Schuelerinnen in die Doerfer, singen fuer jede katholische Familie zwei Lieder und sammeln Spenden. Ich war doch ziemlich erstaunt, wie viele katholische Familien es hier gibt, wobei ich mir auch vorstellen kann, das das mit der Naehe zum Kloster und der verhaeltnismaessig sehr guten Versorgung im Krankenhaus zusammenhaengt. Ich bin mit Fragen in dieser Richtung etwas vorsichtig, da ich gerne Rueckfragen nach meiner eigenen Religion vermeide. Kulturbedingt werden zwar meist alle Religionen toleriert, aber dass es Menschen ohne Religionszugehoerigkeit gibt, verstehen die wenigsten. Selbst wenn ich mir mit meinen Erklaerungen grosse Muehe gebe und sie ganz verstaendnisvoll nicken und zustimmend      murmeln, fragen sie danach wieder "So who's your god?".
Von unserer Singerei schienen die Leute eher maessig begeistert, wobei auch unser Gesang wohl nur maessig enthusiastisch geklungen hat. Vielleicht war das ja auch wieder so eine Verpflichtung. Fuer mich auf jeden Fall eine lustige Erfahrung.

Morgen fahre ich mit den Schwestern nach Ahmednagar, von wo aus ich abends meine Reise starte. Mein erstes Ziel ist Hampi, von dort aus versuche ich eher spontan zu entscheiden, wohin ich gehe. Ich hoffe, das ist um diese Jahreszeit keine Dummheit. Ich werde irgendwann in den naechsten Tagen noch einmal schreiben, ein paar abschliessende Worte zu meiner Erfahrung im Krankenhaus und vielleicht  erste Eindruecke vom zweiten Teil meiner Reise.
Ich wuensche euch allen ein wunderschoenes Weihnachtsfest und bis dann!

Sonntag, 16. Dezember 2012

16.12.2012

Hallo zusammen,


wusstet ihr, dass Kreißsaal auf Englisch tatsächlich „delivery room“ heißt? Ich nicht. Und ich habe die gesamte letzte Woche gebraucht, um mich an diesen Ausdruck zu gewöhnen. Da ich diese fast nur im Kreißsaal verbracht habe, hatte ich dazu zumindest genügend Zeit. Das Krankenhaus ist im Umkreis von mehreren hundert Kilometern für seine gynäkologische Arbeit bekannt, dementsprechend kommen die Frauen von weit her, um hier ihre Kinder zu gebären.  Oft schlafen sie noch mehrere Nächte irgendwo auf dem Boden oder wenn sie Glück haben in einem freien Bett, während sie darauf warten, dass die Wehen einsetzen. Der Kreißsaal selbst hat vier Betten und einen Vorraum mit ein paar Ersatzliegen, falls mal viel los ist. Es gibt zwar Vorhänge zwischen den einzelnen Liegen, die sind aber immer um die Vorhangstangen geknotet, damit sie nicht im Weg sind. Allerdings sind im Kreißsaal außer den Ärzten auch nie Männer. Die schwangeren Frauen werden meistens von ihren Müttern, Schwiegermüttern oder Schwestern begleitet und so scheint die fehlende Privatsphäre hier für alle zumindest annehmbar zu sein. Bei so vielen Geburten dabei sein zu können war für mich eine tolle Erfahrung, auch wenn es wirklich nicht immer angenehm war. Da man hier nicht allzu lange wartet, dass das Kind von alleine kommt, wird bei fast jeder Frau ein recht großzügiger Dammschnitt gemacht. Dann drückt man so lange auf dem Bauch herum, bis das Kind endlich kommt. An den etwas herben Umgangston gewöhne ich mich langsam, zumindest finde ich ihn nicht mehr so erschreckend wie am Anfang. „If you don´t shout at them, they will not deliver nicely“, hat mir eine Krankenschwester erklärt. Doch es gibt auch immer wieder Situationen, mit denen ich nach wie vor nur schwer zurechtkomme. Die schlimmste Situation, die ich im Kreißsaal erlebt habe, war das Nähen einer Epiostomie ohne Anästhetikum. Als die Krankenschwester das Lokalanästhetikum spritzen wollt, ist das Mädchen, das gerade man 16 war, zusammengezuckt und hat laut aufgeschrien. Genervt hat die Krankenschwester die Spritze auf den Boden geworfen und den Schnitt so zugenäht. Die Patientin hat gewimmert und geschrien und geweint, alle Schwestern standen da und haben zugesehen und offensichtlich fand es jeder in Ordnung. Die Minuten schlichen vor sich hin wie Stunden und ich stand da und war genauso ratlos und hilflos und wütend wie am Anfang.

Aber ich hatte auch sehr schöne Momente im Kreißsaal. Die letzte Geburt, zum Glück eine der wenigen, die keine Epiostomie gebraucht hatten, durfte ich fast alleine begleiten. Natürlich stand eine Krankenschwester neben mir und hat mir genau gesagt, was ich tun soll und im Zweifelsfall auch mal mitgeholfen, aber ich habe mich schon fast wie eine Hebamme gefühlt. Das schwierigste an der ganzen Sache war, das Neugborene von der Liege in den Babyraum zu bringen, da man die Kinder hier an den Beinen fasst und kopfüber trägt. Ich hätte nie gedacht, dass die Kleinen so glitschig sind. Auf jeden Fall war es eine tolle Erfahrung, für die ich den Schwestern sehr dankbar bin.

Die Geburten werden hier fast ausschließlich von Krankenschwestern begleitet, Ärzte werden nur bei Komplikationen hinzugerufen. Bis im Ernstfall ein Arzt kommt dauert es keine zwei Minuten, und ein Kaiserschnitt kann in weiteren drei Minuten vorbereitet werden. Das ist sicher einer der Gründe für den guten Ruf des Krankenhauses, im Vergleich zu anderen Häusern ist hier viel möglich und vor allem schnell.

Nirgends wird so viel geputzt wie im Kreißsaal















Die Handschuhe werden zum Trocknen aufgehängt und regelmäßig umgedreht


















Ein Thema mit dem man hier zwangsläufig konfrontiert wird, ist die immer noch sehr unterschiedliche Wertschätzung von männlichen und weiblichen Nachkommen. Es gab selten eine Mutter, der man es nicht schon am Gesicht angesehen hat, ob sie gerade einen Jungen oder ein Mädchen zur Welt gebracht hat. Die Geburt eines Jungen ist für die ganze Familie Anlass zu großer Freude, während die Frauen ihre gerade geborenen Töchter oft kaum sehen wollen. Sie sind enttäuscht und oft haben sie Angst vor der Reaktion der Schwiegermutter. Da es vor allem in ländlichen Gebieten nach wie vor Brauch ist, die Tochter mit einer ordentlichen Mitgift auszustatten, bedeutet eine Tochter immer eine finanzielle Belastung. Zudem ziehen die Frauen traditionell zu der Familie ihres Ehemannes, somit hat sie später für ihre eigene Familie auch als Arbeitskraft keinen Nutzen mehr. Dass es diese Umstände den Familien, die arm und auf Unterstützung bei der Feldarbeit angewiesen sind, erschweren, sich über die Geburt einer Tochter zu freuen, ist leicht nachvollziehbar, auch wenn es von unserem Standpunkt aus natürlich grausam erscheint. Mitgiftmorde sind in Indien leider immer noch keine Seltenheit, man hört immer wieder Geschichten von Frauen, die von ihren Schwiegereltern mit Kerosin übergossen und verbrannt werden oder auf andere Art zu Tode gequält und gefoltert werden. Wenn man sich das vor Augen führt erscheinen die hohen Raten versuchter Abtreibungen von weiblichen Föten fast wie eine logische Konsequenz. Das Krankenhaus ist gepflastert mit Schildern wie „Sex determination is not done here“, jeder Arzt, der eine Sonografie vornimmt, muss unterschreiben, dass er der Schwangeren auf keiner Weise zu verstehen gegeben hat, welches Geschlecht ihr Baby hat und doch ändern all diese Maßnahmen und Vorschriften nichts an den bestehenden Traditionen.


Als ich am Freitag wieder im OP war, kam die Anästhesieschwester mit einem kleinen deutschen Buch über Methoden zur Regionalanästhesie zu mir. Da sie einige Jahre in Deutschland verbracht hat, spricht sie etwas deutsch, und das Buch hatte sie von einem Arzt geschenkt bekommen. Sie bat mich, ihr einige Teile davon zu übersetzen, was ich natürlich gerne tat, wenn auch eher etwas laienhaft. Immerhin ist weder mein Fachenglisch so gut, noch besitze ich so tiefgehende Kenntnisse über Anästhesie als dass ich der Aufgabe wirklich gewachsen gewesen wäre. Aber die Schwester war ausgesprochen zufrieden. Als wir fertig waren, hat sie sich bedankt und gesagt, dass sie diese Methoden alle demnächst mal ausprobieren wolle. Da war ich dann doch kurz irritiert. Ausprobieren – an wem denn? Blöde Frage, natürlich am nächsten Patienten. Da sie sich nichts von dem was ich gesagt habe, aufgeschrieben hat und die Bilder in dem Buch zwar gut aber doch eher schematisch sind, zweifle ich etwas am Erfolg dieses Unterfangens. Und ich bin hin- und hergerissen, ob ich es wahnsinnig oder mutig finden soll. Immerhin hat sie insofern Recht, als dass ihr kaum andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Fortbildungen wie in Deutschland gibt es hier nicht, ausprobieren ist fast die einzige Chance, um weiterzukommen. Ich musste kurz daran denken, wie wir im letzten Jahr für die PflegeschülerInnen des Unterkurses einen Lernzirkel zur Grundpflege angeboten haben. An verschiedenen Stationen konnten sie Pflege nach Leitlinie ausprobieren und üben. Wir hatten das Thema Mundpflege und eine der neuen Schülerinnen sagte, sie habe jetzt schon Angst davor, jemandem die Zähne putzen zu müssen und werde sicher alles falsch machen. Klingt erst mal übertrieben und lächerlich, aber ich glaube auch, dass man bei uns im Bestreben, uns für die Wichtigkeit der korrekten Durchführung aller Maßnahmen zu sensibilisieren, manchmal zu weit geht. Spätestens wenn Auszubildende Angst haben, den Patienten durch nicht leitliniengerechte Mundpflege nachhaltig geschadet zu haben, hat man in der Hinsicht wohl über die Stränge geschlagen. Auf jeden Fall standen diese zwei Situationen wie schon so oft in krassem Gegensatz zueinander.


Heute Morgen war ich das erste Mal auf dem Markt. Zunächst war ich etwas enttäuscht. Da saßen einfach nur ein paar Männer und Frauen mit ihren Waren am Straßenrand und haben gelangweilt geguckt. Das hatte ich mir irgendwie lebendiger vorgestellt. Aber zum Glück war das auch erst der Anfang. Eine kleine Seitenstraße führte uns zu einem riesigen Platz, auf dem hunderte von Händlern um die Aufmerksamkeit der Käufer gekämpft haben. Ein kunterbuntes Durcheinander von Obst, Gemüse, Gewürzen, Süßigkeiten, Fleisch und getrocknetem Fisch, zwischendrin einfache Haushaltsgeräte und Schmuck, alles auf großen Tüchern auf dem Boden ausgebreitet. Hier wurde gefeilscht was das Zeug hält, aber wenn man sich erst mal geeinigt hatte, waren schnell alle Streitereien und harten Worte vergessen. 
























 














Heute Nachmittag war die “Lamp Lighting Ceremony“ der Schwesternschülerinnen. Einige haben ihre zweijährige Ausbildung beendet und müssen noch sechs Monate im Krankenhaus praktische Erfahrungen sammeln, bis sie sich als Krankenschwestern bezeichnen dürfen, die anderen sind ins zweite Ausbildungsjahr gekommen. Es wurden zahlreiche Preise verliehen, für die beste Schülerin, die höflichste, die mit dem meisten Verantwortungsbewusstsein und die mit dem größten Engagement für ihre Mitschülerinnen. Die Preise wurden von den Ordensschwestern übergeben, viele der Schülerinnen haben sich, nachdem sie ihre Preise entgegengenommen haben, noch kurz heruntergebeugt, um die Füße der Schwester zu berühren und sich dann zu bekreuzigen. Es wurden viele Reden gehalten, von denen ich nur immer wieder „Florence Nightingale“ verstanden habe und in einem feierlichen Akt haben alle Krankenschwestern und –pfleger eine Kerze angezündet und einen Schwur geleistet. Ich musste zwar mitschwören, aber da ich auf Marathi geschworen habe weiß ich immer noch nicht so genau, um was es ging. Im Groben ging es wohl darum, dass wir unsere Arbeit vernünftig machen und das kann ich ja verantworten. Auf jeden Fall war es eine recht kurzweilige Veranstaltung, aber vielleicht habe ich auch einfach mittlerweile realistischere Erwartungen an derartige Festlichkeiten.



Schülerinnen bei der Lamp Lighting Ceremony
Schülerin mit festlichem Schmuck
 
Mittlerweile freue ich mich sehr darauf, bald Richtung Süden loszuziehen. Ich bin zwar gerne hier und die Schwestern geben sich wirklich Mühe, aber viel Abwechslung bietet Klosterleben nun mal nicht. Da ich mich in die religiösen Aktivitäten nur sehr sporadisch einbringe und die gesamte Freizeit praktisch aus religiösen Veranstaltungen besteht, beschränkt sich unser Zusammentreffen auf die Arbeit und die Essenszeiten. Ich fühle mich hier willkommen, aber meine Anwesenheit hier wird auch nicht überbewertet, was mir ja auch nicht unrecht ist. Ich freue mich, hier noch eine Woche zu verbringen und dann ist es auch wieder Zeit zu gehen und andere Seiten von Indien zu entdecken.


Ich werde gegen Ende der Woche noch von meinen letzten Tagen hier erzählen, bis dahin wünsche ich euch eine schöne Zeit zu Hause!

Sonntag, 9. Dezember 2012

09.12.2012



Hallo zusammen,

in der letzten Woche war es im Krankenhaus ungewohnt ruhig. Es war sogar so wenig los, dass fast alle Stationen einen Großputz veranstaltet haben. Da man sich doch sehr schwer getan hat, mit Putzarbeiten zuzumuten und mir alles, was ich angefangen habe, ganz schnell wieder aus der Hand genommen wurde, habe ich einen Großteil meiner Zeit damit verbracht, anderen beim Putzen zuzusehen. Dabei ist mir mal wieder aufgefallen, wie schwer es für mich ist, Menschen bei dem zuzusehen, was wir gemeinhin als ineffizientes Arbeiten bezeichnen. Während meinem Freiwilligendienst in Nicaragua habe ich gelernt, diese Vorgehensweise nicht als ineffizient sondern als prozessorientiert zu betrachten. Oder zumindest als solche zu bezeichnen. Sonst würde es ich wohl gelassener nehmen. Außer mir scheint sich hier auch keiner daran zu stören, alles doppelt und dreifach machen zu müssen und eigentlich haben wir auch mehr als genug Zeit und Personal zur Verfügung. In diesen Wochen sind die Schwesternschülerinnen der angrenzenden „Nursing school“ auf den Stationen, die meistens mit irgendwelchen Aufräum-und Verschönerungsarbeiten beauftragt werden, aber selbst davon gibt es nicht genug für so viele Leute. Dann beschäftigen sie sich am liebsten mit mir; untersuchen aufs genauste meine Ohren, Nase, Augen und Hände, versuchen, bisher leider recht erfolglos, mir Lieder auf Marathi beizubringen und lassen mich ein ums andere Mal die Namen sämtlicher Verwandter aus Deutschland herunterbeten – von meinen Eltern bis zu meinen Großcousinen.

Zwei Tage habe ich auch auf „private ward“ verbracht, der Privatstation, an die auch die Neugeborenenstation angeschlossen ist. Die Patienten zahlen für ein Doppelzimmer 250 Rupies (etwa vier Euro), für ein Einzelzimmer das Doppelte. Zum Vergleich: ein Bett auf Normalstation kostet 30 Rupien am Tag (etwa 50 Cent). [Die Angaben aus meinem zweiten Blogeintrag sind falsch; dort habe ich geschrieben, ein Bett auf Privatstation würde 100 Rupien kosten.] Allgemein scheint es hier viel ruhiger und freundlicher zuzugehen, als auf den anderen Stationen. Es wird an die Tür geklopft, man erkundigt sich von selbst nach dem Befinden der Patienten, wechselt regelmäßig die Bettlaken und hält auch sonst die Zimmer einigermaßen sauber. Kein Urin in den Betten, kein Blut an den Wänden. Aber immerhin zahlen die Leute auch mehr, als viele Arbeiter an einem Tag überhaupt verdienen. Morgens habe ich in der „Nursery“, der Neugeborenenstation, geholfen, die Babys zu versorgen. Hier liegen fast nur Frühchen, die meisten ab dem siebten Monat. Wie viele von ihnen es tatsächlich schaffen, weiß ich nicht. Etwa zehn Babys liegen in einem Raum, der von einem Heizstrahler gewärmt wird. Meistens sind sie alleine, manchmal wird eine Schülerin dort abgestellt, die jedem Baby, das anfängt zu schreien, fleißig Glukose in den Mund träufelt. Nur Krankenschwestern dürfen den Raum betreten und auch die nur barfuß und mit Mundschutz. Da es in Indien vermehrt Fälle gab, in denen Kinder geklaut und an reiche kinderlose Paare verkauft wurden, muss die Nursery immer abgeschlossen sein. Auch hier scheint vieles etwas unkoordiniert abzulaufen, was bei erwachsenen Patienten vielleicht eher zu vernachlässigen ist, mir bei Frühchen aber nicht ganz geheuer ist. Ständig wird verwechselt, welches Baby welche Muttermilch bekommt bzw. welche Art von Nahrung überhaupt, der Sauerstoff wird nach Gefühl von den Schwestern hoch oder runtergedreht, ohne dass die Sättigung gemessen wird oder konkrete Anordnungen vorliegen und der Inkubator wird meistens einfach als weiteres Babybett verwendet, da keiner so recht zu verstehen scheint, wie das Ding funktioniert. Jeden Morgen werden die ganz Kleinen eingeölt und die etwas schwereren Kinder von ihren Müttern im Stationszimmer abgegeben, von einer Schwester mit Wasser übergossen, von der nächsten abgetrocknet und dann wieder der Mutter übergeben, die es zurück in die Nursery bringt. So werden fünf Babys in zehn Minuten gebadet und gewickelt. Nachdem ich mein erstes Baby eingeölt und in frische Tücher gewickelt hatte, wollte ich es nach allen Regeln der Kinästhetik über die Seite hochnehmen um es wieder ins Bett zu legen. Etwas ungläubig über meine Tollpatschigkeit lachend kam eine Krankenschwester zu mir, und zeigte mir, wie man das machte: Man zieht das Baby an den Beinen so weit hoch, dass nur noch der Kopf die Ablagefläche berührt und der Körper fast im 90° Winkel zu ihr steht, schiebt dann die Hand unter den Kopf und befördert das kleine Bündel mit Schwung in Bettchen. Ich konnte mir das Gesicht jeder einzelnen Kinderkrankenschwester, die ich im Laufe meiner Ausbildung kennengelernt habe, lebhaft bei diesem Anblick vorstellen. Andererseits muss man natürlich dazu sagen, dass auch wir als Neugeborene wahrscheinlich nie in den Genuss des kinästhetischen Wickelns gekommen sind und auch keine Schäden davongetragen haben. Trotzdem sah mir das etwas sehr abenteuerlich aus.

Mein erster kleiner Schützling und ich

Gestern war das langersehnte Hospital Feast, der 38. Geburtstag des Nityaseva Hospitals, das in seinen Anfängen lediglich von einem Arzt und zwei Krankenschwestern betreut wurde. Wenn man sich das vor Augen führt, ist es wirklich beeindruckend, wie groß und spezialisiert das Krankenhaus heute ist. Die Ordensschwestern, von denen einige schon seit vielen Jahren im Krankenhaus arbeiten und sich mit viel Engagement für dessen Erweiterung einsetzen, sind zu Recht stolz auf ihr Werk und begehen diesen Tag daher sehr feierlich. Bereits nach dem Frühstück begannen die Vorbereitungen: kiloweise Gemüse mussten geschält und geschnitten werden, hunderte von Tellern gespült und badewannengroße Töpfe voll Reis und Hühnchencurry gekocht werden. 

Zwei Küchenhelferinnen beim Rollen der Chiapati
Ein Topf Reis...

Schülerinnen beim Spülen der Teller


Um elf war dann die Messe. Die Kirche war prachtvoll hergerichtet und geschmückt, der Boden war mit weißen Ornamenten bemalt, überall hingen bunte Girlanden, glitzerndes Lametta und Blumen. Die Pfarrer kamen in ihren festlichsten Gewändern und auch die Besucher hatten ihre besten Saris angezogen. Leider ging die Messe dann auch zwei Stunden, was in Anbetracht der Tatsache, dass ich kein Wort verstanden habe, eher anstrengend war. Meine einzige Erkenntnis war, dass man hier Menschen, um ihnen eine Ehre zu erweisen, mit einer Kokosnuss beschenkt. Später haben mir die Schwestern erklärt, dass auch neue Fahrzeuge eingeweiht werden, indem man eine Kokosnuss an ihnen aufschlägt und die Milch über das Fahrzeug fließen lässt. Die Kokosmilch steht für Reinheit und soll Glück bringen. Wie man das macht ohne das Fahrzeug dabei nachhaltig zu beschädigen kann ich mir schwer vorstellen. Nach der Messe waren alle Angestellten des Krankenhauses mit ihren Familien zum Essen eingeladen. Es war ein riesiges Chaos, bis jeder der mehreren hundert Gäste etwas zu essen hatte, aber als das geschafft war genauso schnell wieder vorbei, wie es angefangen hatte. 

Mittagessen für alle Angestellten
 
Abends war dann Programm auf einer kleinen Bühne, die am Krankenhaus aufgebaut wurde. Traditionelle und moderne Tänze wurden aufgeführt, Sketche und kleine Theaterstücke gezeigt und Reden gehalten. Alles natürlich auf Marathi, aber durch die Tänze und die Schauspielkunst der Auftretenden ganz unterhaltsam. Außerdem war es interessant zu sehen, wie sehr alle Feuer und Flamme dafür waren, auf der Bühne zu stehen. Anders als bei uns, wo man sich lieber davor drückt oder zumindest angemessen ziert, will hier von den Kleinsten bis zu den Erwachsenen jeder seinen Teil zum Programm beitragen.


Heute waren wir wieder bei einer Hochzeit eingeladen. Leider kamen wir viel zu spät, alle waren schon am Essen oder bereits fertig. Als ich gefragt habe, ob die Messe schon vorbei sei, antworteten die Schwestern eher ausweichend. Irgendwann sagte eine leise zu mir „Hindu wedding“. Wahrscheinlich waren wir deshalb zu spät dran. Wir haben auch nur gratuliert und sind wieder gegangen, ohne zu essen oder uns mit irgendjemandem zu unterhalten. Wie schon so oft hatte ich das Gefühl, dass die Gastgeber uns gegenüber mit der Einladung genauso lediglich eine gesellschaftliche Verpflichtung erfüllen wie wir mit unserem Erscheinen. Aber dass jeder auch völlig zufrieden damit ist und von niemandem mehr als das erwartet wird. Da ich gerne eine hinduistische Hochzeit gesehen hätte, fand ich das sehr schade. Aber es würde mich doch sehr wundern, wenn wir nächsten Sonntag nicht auf eine Hochzeit eingeladen wären und vielleicht habe ich dann ja mehr Glück. 


Brautpaar einer hinduistischen Hochzeit


 Ich wünsche euch einen schönen zweiten Advent und werde nächsten Sonntag wieder von hier berichten!

Sonntag, 2. Dezember 2012

02.12.2012



Hallo zusammen,

meine letzte Woche hat bereits perfekt angefangen. Montag und Dienstag habe ich frei bekommen, um mir zusammen mit Kim und Charlotte, einer österreichischen Touristin, die auch im Orden wohnt, die Höhlen von Ellora und Ajanta anzusehen. Früh morgens nahmen wir also den ersten Bus nach Aurangabad und beinahe wären wir bereits an dieser ersten Hürde gescheitert. Die Busse halten nur, wenn man sie heranwinkt  und die Aufschriften waren leider alle auf Marathi. Zum Glück hatte der Bus Verspätung und wir haben gerade rechtzeitig noch jemanden gefunden, der uns in den richtigen Bus gesetzt hat. Die Höhlen waren wirklich unglaublich beeindruckend! Bei Ellora befindet sich ein Komplex aus über dreißig Höhlentempeln, die teils buddhistischen, hinduistischen und jainistischen Ursprungs sind. Das Unglaubliche daran ist, dass man hat sich für manche Tempel von oben durch den Fels gearbeitet haben muss; wie das genau funktioniert hat, kann ich mir bis heute nicht vorstellen. Bei Ajanta befinden sich buddhistische Höhlentempel, teilweise mit wunderschönen Wandmalereien. Beide Orte gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe und haben mich absolut in ihren Bann gezogen. Abgesehen von der kulturellen Erfahrung hat es total Spaß gemacht, mal aus dem Wohnheim herauszukommen, und ein wenig indische Großstadtluft zu schnuppern. Es war genauso wie ich es mir vorgestellt habe: laut, bunt, turbulent, voller fremder Geräusche und Gerüche. Ein toller Ausflug, nach dem ich am liebsten gleich weitergezogen wäre, um noch mehr von Indien zu sehen. 


Gesamtanicht der Höhlentempel von Ajanta

Wandmalerei in Ajanta
Tempel in Ellora

Zu Hause geht währenddessen alles seinen Gang. Nachdem Charlotte weitergereist ist habe ich ihr Zimmer bezogen, seitdem habe ich mehr Zeit für mich und Fenster zur Straße, die sich weder richtig öffnen noch richtig schließen lassen. Ich arbeite jetzt einige Tage auf „female ward“, was tatsächlich eine reine Frauenstation ist und eine riesige noch dazu. Das Krankenhaus hat einen Schwerpunkt auf Gynäkologie und die meisten Frauen sind nach der Geburt da. Ihre Babys hängen dann in kleinen Körben am Fußende. Da diese auch komplett von den Angehörigen versorgt werden, unterscheidet sich die Arbeit kaum von der auf der anderen Station. Meine Marathikenntnisse beschränken sich leider immer noch auf das Notwendigste. Ich frage die Frauen immer vor dem Spritzen, wie sie heißen, um nicht die Falsche zu erwischen. Aber sobald sie nicht mehr nur mit ihrem Namen antworten oder der Name ganz anders klingt, als man ihn schreibt, weiß ich schon wieder nicht weiter. Viele der Patientinnen lassen sich nicht im Geringsten davon abschrecken, dass ich kein Wort von dem verstehe, was sie mir erzählen. Sie plappern fröhlich auf mich ein und wenn ich auf Marathi sage „Entschuldigung, ich spreche leider kein Marathi“ und versuche, meine Worte mit der entsprechenden Mimik zu unterstreichen, lachen sie sich kaputt und plappern weiter. Eigentlich ja ganz nett. Eine ältere Frau ist auf Station, die ständig zu mir kommt, mich anfasst und sich dann bekreuzigt. Manchmal nimmt sie auch meinen Kopf in beide Hände und murmelt irgendwas und deutet danach auf das Bild der Maria hinter sich. Was sie genau tut werde ich wahrscheinlich nie herausfinden, aber ich glaube, es ist nichts Schlimmes. 

Am Freitag war ich das erste Mal im OP, was wirklich eindrücklich war. Während ich in Deutschland mit etwa 15 anderen Zuschauern um einen Blick auf die Patientin kämpfen musste, war ich hier hautnah dabei. Ich konnte dem Chirurgen praktisch über die Schulter gucken. Hier wird in zwei Sälen gleichzeitig gearbeitet und die beiden Anästhesieschwestern haben dafür gesorgt, dass ich immer da war, wo es gerade mehr zu sehen gab. Es war unheimlich interessant, ich war nacheinander bei einer Leistenhernie, einem Parotis Adenom, zwei Appendektomien, einer Thyreoidektomie und einem Kaiserschnitt. Danach hatte ich erst mal genug. Interessanterweise hatte ich das Gefühl, dass die Leute im OP viel einfühlsamer mit den Patienten umgehen, als ich es bisher hier erlebt habe. Ich fand es schon beinahe rührend, wie liebevoll sie sich um die Patienten gekümmert haben. Vielleicht hat die ruppige Art auf Station ja auch etwas mit Zeitmangel zu tun. Zwar habe ich die Krankenschwestern noch nie wirklich in Eile gesehen, vermutlich wären sie es aber, wenn sie sich für die oder den Einzelnen mehr Zeit nehmen würden.  

Zwei Schwestern beim Richten des Infusionswagens
Direkt vom OP wurde ich von zwei Schwesternschülerinnen zur Mehndi Competition abgeholt. Mehndi ist die kunstvolle Verzierung der Arme und Hände mit Henna, die die jungen Frauen hier wie es scheint perfekt beherrschen. In einer dreiviertel Stunde hat mir das Mädchen den kompletten Unterarm und die Handinnenfläche wunderschön bemalt, obwohl sie vor Nervosität wie verrückt gezittert hat. Gleichzeitig fand ein Rangoli Wettbewerb statt, bei dem die Teilnehmerinnen mit buntem Farbpulver schöne Muster auf dem Boden gezeichnet haben. All das ist eine Vorbereitung auf das „Hospital Feast“, die Geburtstagsfeier des Krankenhauses nächsten Samstag, dem alle erwartungsvoll entgegenblicken und von dem ich das nächste Mal mit Sicherheit berichten werde.


Mehndi Competition
Heute waren wir – wie fast jeden Sonntag – auf eine Hochzeit eingeladen. Da schon mein Fernbleiben von der letzten Hochzeit für Turbulenzen gesorgt hat, war klar dass der Termin für mich praktisch verpflichtend war. Obwohl wir nur 60km fahren mussten, waren wir über zwei Stunden unterwegs. Zum Glück gab es auf der Fahrt genug zu sehen. Zur Zeit wird hier Zuckerrohr geerntet. Die Straßen waren voll von Ochsenkarren, Traktoren und riesigen Lastwägen, die die meterlangen Halme zu den Fabriken bringen. Dort stehen sie dann manchmal tagelang vor den Toren, sitzen, essen und schlafen auf ihrer Ladung und warten darauf, dass diese gewogen und bezahlt wird. Neben den Fabriken und den großen Feldern sieht man viele kleine provisorisch wirkende Hütten aus getrockneten Zuckerrohrblättern. Hier leben die während der Zuckerrohrsaison für einige Monate die Fabrikarbeiter und Erntehelfer, oft mit ihren ganzen Familien, direkt an der Straße, ohne fließendem Wasser und natürlich auch ohne sanitären Anlagen. Da die Kinder dieser Saisonarbeiter natürlich kaum Möglichkeiten haben, zur Schule zu gehen, ist wohl in der Diskussion, Schulen bei den Fabriken zu bauen. Die Hochzeit selbst war eher unspektakulär. Eine Stunde katholische Messe auf Marathi (und das, obwohl ich heute morgen auch schon eine Stunde in der Kirche war), Mittagessen, ein eher halbherziges „Thank you for coming, sister“ und dann saßen wir auch schon wieder im Auto. Wer weiß, vielleicht hat der ausgelassene Teil der Feier ja gerade begonnen, als wir weg waren. Ich werde während meines Aufenthaltes im Orden sicher noch mehr Hochzeiten besuchen, nur hoffentlich keine mehr, für die man vier Stunden fahren muss.

Nach wie vor geschehen hier viele Dinge, die ich nicht verstehen kann. Als wir spät abends von Aurangabad zurückgekommen sind, hat der Pförtner gerade Oberschwester angerufen, um unsere Rückkehr zu melden, als ein „Poison case“ angeliefert wurde. Eine junge Frau, die versucht hatte, sich mit Pestiziden das Leben zu nehmen. Erst auf das Drängen der Angehörigen hat der Pförtner eher widerwillig das Tor geöffnet, dass die Frau, die sich nur noch mit Mühe auf den Beinen gehalten hat, hereinkommen konnte. Die Schwestern aus der Notaufnahme sind in aller Ruhe mehrmals an ihr vorbeigelaufen, ohne überhaupt sichtlich Notiz von ihr zu nehmen. Wir sind dann ins Wohnheim gegangen, aber diese Szene hat mich nicht losgelassen. Andererseits erlebe ich auch sehr positive Überraschungen. An meinem letzten Tag auf „male ward“ hat der Krankenpfleger auf einmal Handschuhe zur Abendrunde gebracht. Ich trage beim Spritzen konsequent Handschuhe, hatte aber bisher eher das Gefühl, dafür belächelt zu werden. Zwar sollten die Krankenschwestern hier auch offiziell nur mit Handschuhen arbeiten, sobald die Gefahr besteht, mit Blut in Kontakt zu kommen. Allerdings habe ich noch nie jemanden gesehen, der – außer zum Putzen und Bettenmachen – tatsächlich welche trägt. An diesem Abend haben alle zum Injektionen verteilen Handschuhe getragen. Vermutlich war das auch das letzte Mal, aber trotzdem fand ich es wirklich eine nette Geste, die mir gezeigt hat, dass sie manche Dinge doch ernster nehmen, als es scheint.

Soviel von meiner letzten Woche, ich wünsche euch allen eine schöne beginnende Adventszeit und berichte nächsten Sonntag wieder!