Montag, 25. März 2013

Bilder vom Besuch des "Watershed Programs"...

 
 ... ein Wasserspeicher dieser Größe eröffnet neue landwirtschaftliche Perspektiven.

...besonders in einer solch trockenen Region.



Teebesuch bei einer Familie die einen großen Obstgarten besitzt:


 




 
 ...Mittagsschlaf in der Hängematte.
 
 
        ...in den kleinen Dörfern haben Kameras noch eine ganz besonders große "Anziehungskraft".


 
                                           ...egal wie klein ein Dorf ist, es gibt einen Shop.


 
                                                                               ...auf dem Markt in Pathardi.


                                           ....auch die Schweine gehören zum Straßenbild dazu.

Donnertag, 14.- Montag, 25.März

Ich bin jetzt schon einen Monat in Indien. Zur Feier des Tages habe ich gestern Kekse gebacken und bei der abendlichen Runde im Gemeinschaftsraum Eis ausgeben. In Anbetracht des Wetters hier ist das hier immer eine gerngesehene Erfrischung, Süßigkeiten kommen ganz allgemein sehr gut an. Die "Siesta" am Nachmittag ist gut investierte Zeit, denn es wird zunehmend heißer. Es gibt hier kein Thermometer, dank einer kleinen Internetrecherche weiß ich nun jedoch, dass die Temperatur zwischen 36 und 38 Grad Celsius schwankt.

In der letzten Woche hatten wir Besuch aus Deutschland. Im Missionsärztlichen Institut Würzburg wird es bald einen bedeutenden Personalwechsel geben. Karl Heinz Rothenbücher tritt zurück und hat nun zur "Übergabe" gemeinsam mit seinem Nachfolger Michael Kuhnert das Nityaseva Hospital besucht. In dieser Woche gab es deswegen außergewöhnlich viel Programm. So habe ich ein weiteres mal das Watershed Projekt und noch so manch anderen interessanten Ort besucht, in den es einen als Tourist sonst nicht verschlägt. So besichtigen wir eine Granatapfelplantage , sind bei einem Obstbauern zum Tee eingeladen und besuchen eine kleine Schule.
Sister Franziska liefert immer wieder Erklärungen und Details, die nur jemand kennt, der sich wirklich intensiv mit den Dorfbewohnern und ihren Anliegen auseinandersetzt. Am selben Tag fahren wir auch noch nach Pathardi. Die Kleinstadt ist etwa 25 Kilometer von Shevgaon entfernt. Das Krankenhaus unterhält hier eine Art gynäkologische Zweigstelle mit einem großen Kreißsaal. Im angrenzenden Konvent leben zurzeit nur vier Schwestern. Gemeinsam mit ihnen essen wir zu mittag und machen uns nach einem Besuch des Marktes auf den Heimweg. Am Abend betrachte ich meine Fotos und bin überrascht, wie viel man an einem einzigen Tag schaffen kann.

Als die Besucher aus Deutschland abreisen begleite ich sie mit den Schwestern zum Flughafen ins fünf Stunden entfernte Pune. Für mich war die anschließende Einkaufstour eine willkommene Abwechslung zum doch sehr kleinen Shevgaon. Nach vier Wochen fühlt es sich fast ein wenig merkwürdig an, in einem klimatisierten Supermarkt einzukaufen. Im Kühlregal stolper ich über deutsche Schlagsahne.

Insgesamt wurden die Gäste aus Deutschland außerordentlich herzlich aufgenommen. Zum Abschied wurde das gesamte Krankenhauspersonal zu einer Teaparty eingeladen und auch an Tanzeinlagen hat es nicht gefehlt. Gastfreundschaft ist in der indischen Kultur noch weitaus tiefer verankert als bei uns in Deutschland. Als ich mich mit einer Schwester über dieses Thema unterhalte bestätigt sich dieser Eindruck weiter. Sie verwendet immer wieder den Vergleich des Gastes mit einem Gott, in dieses Bild fügen sich die Blumenketten und Geschenke gut ein.

Meine Zeit im Nursery Ward neigt sich langsam dem Ende zu. Ich habe in den vergangenen Wochen auf der Station viel erlebt und bin besonders den Schwestern, die mir so viel erklärt haben sehr dankbar. Es war eine gute Erfahrung, mit der Zeit immer mehr Aufgaben übernehmen zu können und wenn ich bedenke, wie fremd mir am Anfang noch alles war, fühle ich mich jetzt soweit eingearbeitet, dass ich den Schwestern auf jeden Fall eine kleine Hilfe bin. Was ich hier gelernt habe wird mir in meiner Ausbildung zur Hebamme mit Sicherheit von Nutzen sein - auch wenn die Arbeitsweisen in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich sind. Das ein- oder andere Mal konnte ich auch anwenden, was ich aus meinem Praktikum in Deutschland "mitgenommen" habe. Trotz kleiner Verständigungsprobleme gab es viele schöne Momente. So habe ich mich heute darüber gefreut, dass sich eine Familie aus Pune ganz herzlich von mir verabschiedet hat. An deren Beispiel sieht man auch, was die Patienten für Entfernungen auf sich nehmen, um zum Nityaseva Hospital zu kommen. Es bietet wirklich eine Behandlung, die sich zwar finanziell, nicht aber im Hinblick auf die Qualität von anderen, meist privaten Krankenhäusern unterscheidet.

Nach einem kleinen Urlaub in Goa geht es für mich am 10. April im Delivery Room, also im Kreißsaal weiter. Dort werde ich die zweite Hälfte meines Praktikums absolvieren. Am Sonntag habe ich mich auf den Weg gemacht um ein paar Besorgungen zu machen. Noch eh ich mich umsehen konnte stand ich aber schon mit im OP und habe zwei Kaiserschnitte angeguckt - wie es aussieht werde ich auch dazu werde ich in den nächsten Wochen noch einige Gelegenheiten haben.

Auch wenn ich bis jetzt die meiste Zeit im Nursery Ward verbracht habe, habe ich  schon die meisten anderen Stationen kennengelernt, aufgrund der Nähe zum Nursery Ward vor allem die Intensivstation. Neben Patienen mit Schlangenbiss liegen dort erschütternd viele "Poisoning" Fälle, also Patienten die sich selbst vergiftet haben. Die häufigsten Gründe dafür sind Armut, Hunger und fehlende Bildung und familiäre Auseinandersetzungen, welche in gegenseitiger Wechselwirkung zu viele Menschen zu solch einer Verzweiflungstat bewegen. Gerade in solchen Situationen helfen mir die Erklärungen der Schwestern und Ärzte dabei, mir ein Bild zu machen.

Mit meinen Marathikenntissen geht es etwas voran, zusammen mit Glory bereite ich einen kleinen Sketch vor, mit dem wir die Schwestern an unserem zumindest kleinen Fortschritt teilhaben lassen möchten. Mittlerweile kann ich mich ein wenig mit den Patienten unterhalten und auch zur Freude des Küchenpersonals kommen immer mehr Wörter dazu. Ich werde am Ende meines Aufenthalts bestimmt imstande sein, mich vorzustellen, Einkäufe zu erledigen und mitzuteilen, was ich brauche. Ein paar kleine Dialoge klappen auch. Viel mehr wird es wahrscheinlich trotzdem nicht werden. Dennoch macht es mir Spaß, vor allem wenn ich merke, wie sich die Leute freuen wenn ich mich für ihre Sprache interessiere.

Viele Grüße aus Indien!
Rieke









Donnerstag, 14. März 2013

Einige Bilder von den Feierlichkeiten zum Weltfrauentag...

 
...als wir uns zur "silent procession" zusammenfinden, wollen viele von den Frauen gern fotografiert werden. Es war ein schöner Moment, die Frauen wiederzusehen, die wir bei unserem Besuch des Watershed Programs kennengelernt haben.

                                                                ... ein paar Kinder sind auch mit dabei.

                                           ...der Schweigemarsch aus der "Küchenperspektive". 

...nach dem Marsch versammelt sich die Gruppe, auf diesem 
Bild sieht man nur etwa ein Viertel aller Teilnehmenden.


                                                                           ...Bruder und Schwester. 

Donnerstag, 7. - Mittwoch, 13.März

Donnerstag, 7. - Mittwoch, 13.März

In der vergangenen Woche ist allerhand passiert. Am Krankenhaus ist immer was los, so waren wir zum Beispiel wieder auf einem Geburtstag eingeladen. Besonders über den Weltfrauentag möchte ich etwas erzählen, denn in der Form wie er hier zelebriert wurde habe ich diesen Tag noch nicht erlebt. Um an den so medienwirksamen Fall der Vergewaltigung in Delhi und an das Schicksal des Opfers zu erinnern haben sich viele Krankenhausangestellte und auch Frauen aus den umliegenden Dörfern im Zentrum Shevgaons versammelt um von dort gemeinsam in einer " silent procession", in einem Schweigemarsch zum Krankenhaus zu laufen. Ich kann die Aufschriften der meisten Plakate nicht lesen, bin also darauf angewiesen dass mir jemand bei der Übersetzung hilft. Vor allem wird für die Rechte von Frauen demonstriert und auf das Problem häuslicher Gewalt aufmerksam gemacht. Während wir durch die Straßen Shevgaons marschieren, frage ich mich, wie viel Aufmerksamkeit mit dieser Aktion tatsächlich erlangt wird, komme aber zu dem Schluss, dass der Umstand, dass die Frauen zusammenkommen und auf diese Weise eine neue Ebene der Auseinandersetzung geschaffen wird, Veranstaltungen wie diese zu einem bedeutsamen Mittel macht, um der Diskriminierung von Frauen entschlossen entgegenzutreten. Auch wenn keine unmittelbaren Veränderungen folgen wird die Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auf das Thema gerichtet.

Bei der anschließenden Versammlung am Krankenhaus wird besonders das Problem thematisiert, dass aufgrund der Bevorzugung männlichen Nachwuchses viele weibliche Föten abgetrieben werden. Auch in sehr armen Familien wird häufig das knappe Geld in eine Ultraschalluntersuchung investiert, um das Geschlecht des Kindes festzustellen. Ich bin mir bewusst, dass dieser Eindruck keine Statistik ersetzt, aber bei der Arbeit im Krankenhaus bestätigt sich dieses Bild. Die Zahl der Neugeborenen Jungen übersteigt die der Mädchen deutlich. Die Reden werden auf Marathi gehalten, "Mulgi" und "Mulga", die Wörter für "Mädchen" und "Junge" fallen aber besonders oft. In dem fast zweistündigen Programm führen auch die Schülerinnen der Nursingschool wieder ein Schauspiel vor, es folgen viele Danksagungen an besonders engagierte Schwestern und auch an Ärzte des Krankenhauses.

Bevor die Versanstaltung zu Ende ist mache ich mich auf den Weg zum Wohnheim der Schwestern, um mich von Dorothee und Lucia zu verabschieden. Nun bin ich also die einzige Praktikantin.

Am Sonntag habe ich mit einigen Schwestern und Schülerinnen an einer Pilgerwanderung teilgenommen. Dies war in vieler Hinsicht ein bemerkenswertes Erlebnis. Morgens um halb sechs haben wir uns in Shevgaon auf den Weg ins 25 Kilometer entfernte Pathardi gemacht. Mit einigen Taschenlampen ausgerüstet haben wir die erste halbe Stunde in völliger Dunkelheit unterm Sternenhimmel zurückgelegt. Selten hat man so viel Ruhe dafür, die Veränderung von Licht, Himmel und Temperatur so auf sich wirken zu lassen. Ich bin überrascht wie gut wir vorankommen. Nach ungefähr  zweieinhalb Stunden erreichen wir ein kleines Dorf und werden dort zum Frühstück eingeladen. Kurzerhand wird vor einem kleinen Straßenrestaurant ein großer Teppich ausgerollt. Die Gelegenheit, eine kurze Weile sitzend zu verbringen nehmen alle dankbar an. Es dauert einen Moment bis ich verstehe, warum alles für uns vorbereitet ist. Mit dieser Gastfreundlichkeit wird die Arbeit der Schwestern am Nityaseva Krankenhaus gewürdigt. Ein Mann hält eine Ansprache und erwähnt darin, dass auch er im Nityaseva Krankenhaus geboren wurde. Nach der Pause ist es schon ziemlich heiß geworden, umso mehr freuen wir uns über die kalte Zitronenlimonade die wir nach unserer Ankunft in Pathardi genießen. Bald darauf finden wir uns in der Kirche zur Sonntagsmesse ein. Für den Rückweg nach Shevagaon steht ein Jeep bereit. Auch wenn meine Beine den Tag gut überstehen bin ich von der vielen Sonne recht erschöpft und freue mich auf eine lange Mittagspause.

Meine Arbeit im Krankenhaus hat jetzt an Regelmäßigkeit gewonnen. Ein typischer Tag  sieht für mich folgendermaßen aus: Um ca. sechs Uhr werde ich vom Ruf des Muezzin geweckt. Die Moschee ist gar nicht so dicht am Krankenhaus gelegen, über Lautsprecher werden aber alle erreicht. Eine Weile später folgt der Gesang der Schwestern. Für sie beginnt der Tag mit der Morgenmesse. Wenn diese auf englisch stattfindet geselle ich mich auch mit dazu. Nach einem gemeinsamen Frühstück fängt um halb acht der erste Teil meiner Schicht an. Hauptsächlich verbringe ich meine Zeit im "Nursery", da aber auch der "Private Ward", die Privatstation auf dem gleichen Gang ist, helfe ich auch dort mit, wenn es etwas zu tun gibt. Als erstes erledige ich meistens mit einer Schwester einen großen Rundgang, um die Betten zu machen. In der ersten Woche waren nur sehr wenige Babys im Nursery. Jetzt ist wiederum sehr viel los und so werde ich nun auch häufiger mit kleinen Aufgaben betraut. Wenn zum Beispiel  die Kinder zum Stillen den Müttern gegeben werden, wickel ich sie in ein Tuch ein, was die Verwandten, meist die Schwiegermutter mir vorher gegeben haben. Auf diese Weise soll etwas Schmutzwäsche vermieden werden. Gewickelt wird hier mit Stoffwindeln aus alten Bettlaken. Als ich einer Schwester erzähle, dass in deutschen Krankenhäusern fast alles " disposable" ist, also nach Benutzung entsorgt wird kann sie dies kaum glauben. - zurück zu meiner täglichen Routine. Um halb zehn gibt es eine halbstündige Teepause, danach geht wieder auf die Station. Von ein Uhr nachmittags bis um vier ist Mittagspause, um halb acht ist der Arbeitstag zu Ende und man versammelt sich zum Abendessen im Gemeinschaftsraum. Abends habe ich etwas Zeit für mich und bin froh, dass ich ein Zimmer habe, in das ich mich auch mal zurückziehen kann.

In der ersten Zeit ist man manchmal von den vielen neuen Eindrücken überhäuft und beginnt erst mit der Zeit, sich damit auseinanderzusetzten, was nun genau anders läuft als in Deutschland. Da alles als System funktioniert und für die Schwestern selbstverständlich ist - zum Beispiel, dass für die Reinigung der Hände nur ein Stück Seife für die gesamte Station zur Verfügung steht, während in deutschen Krankenhäusern in jedem Zimmer Desinfektionsmittel vorhanden ist, geht von dieser Arbeitsweise eine Normalität aus, die ich so gut es geht versuche anzunehmen. Ich habe noch keine medizinische Ausbildung und so bleibt mir als Vergleich erst einmal das Praktikum auf einer Entbindungstation, welches ich vor kurzem in Deutschland gemacht habe. Ein wesentlicher Unterschied, den ich bisher ausmachen konnte ist, dass die Kinder bestimmter, auf eine Art und Weise grober angefasst werden. Daran muss ich mich manchmal noch gewöhnen.Der "Nursery Ward" ist mir jetzt aber schon einigermaßen vertraut und ich bin gespannt, was auf dieser Station noch auf mich zukommt.

Zweieinhalb Wochen bin in jetzt schon in Indien und die Zeit vergeht recht schnell. Als Fazit über diese erste Zeit- insgesamt werde ich zwei Monate am Nityaseva Hospital sein- kann ich sagen, dass ich mich gut aufgehoben fühle, sei es bei der Arbeit im Krankenhaus oder in der herzlichen Gemeinschaft der Schwestern. Ich freue mich immer wieder über die interessanten Gespräche zwischendurch und bin häufig überrascht, wie aufmerksam und gastfreundlich sie mir gegenüber sind. Hin und wieder gibt es natürlich Verständigungsprobleme und ich muss noch viele Fragen stellen. Umso mehr freut es mich dann, wenn ich mit den wenigen Sätzen Marathi, die ich bis jetzt gelernt habe kleine Unterhaltungen führen kann. Heute hat sich zum Beispiel ein kleines Mädchen dass nach einem Schlangenbiss auf der Intensivstation war, sehr gefreut, dass ich mich erkundigt habe, wie es ihr geht.

Viele Grüße und bis bald!
Rieke

Montag, 11. März 2013

Endlich Bilder...

Das "Internetproblem" ist gelöst und nun folgen - etwas verspätet-  die ersten Bilder.

              ...auf dem Weg nach Shevgaon.

                             Geburtstagsstimmung.

                                                                     Rangoli.

                        ...beim Ausflug zu den Ajanta Höhlen.
 
                                                                      ...stolze Ladenbesitzerinnen.
Bevor ich dieses Foto machen "durfte" wurde erst noch alles ordentlich hingerückt und die Saris zurechtgezupft. Das Bild ist auf der Tour zum "Watershed Program" mit Sister Franziska entstanden.

                             Auf den Stufen des Tempels findet ein großer Teil des Dorflebens statt.

                                                            ...eine Hütte im "Outback" Maharashtras.


                     ...besonders wenn die Verständigung nicht einfach ist spricht ein Lächeln für sich.

                                                                             ...Madam, one Photo please?





Mittwoch, 6. März 2013

Willkommen in Indien!


Namaste!
 
Ich melde mich das erste mal aus Indien! Ich bin jetzt seit neun Tagen hier und habe in dieser Zeit schon viel erlebt. Ich wurde überaus herzlich am Nityaseva Krankenhaus aufgenommen. Aufgrund eines kleinen Internetproblems, welches ich hoffentlich bald gelöst habe, erscheint jetzt eine Zusammenfassung über das, was ich bis jetzt erlebt habe. Ich hoffe, dass ich mit der Zeit einen passenden Erzählstil für diesen Blog finde und wünsche allen viel Spaß beim lesen!

 
Montag, 25. Februar

Nach einem langen Flug über Istanbul und Mumbai bin ich endlich in Aurangabad angekommen und werde schon am Flughafen erwartet. Die Anspannung, die bestimmt jeden in solch einer Situationen begleitet verfliegt schnell, als ich Sister Anne kennenlerne. Zu meiner Freude sind auch zwei Praktikantinnen aus Deutschland, Dorothee und Lucia mit dabei. Zum Willkommen gibt es gleich am Flughafen den ersten Chai. Bei gefühlten dreißig Grad ist Tee nicht das erste woran man denkt, aber er schmeckt hervorragend. Die Fahrt nach Shevgaon dauert etwa zwei Stunden. Die Zeit vergeht allerdings sehr schnell, da es auf der Straße viel zu sehen gibt. Zum Beispiel zahlreiche Ochsenkarren, die Zuckerrohr transportieren. Als wir am Krankenhaus ankommen richte ich mein Zimmer ein, gleich danach  findet schon das gemeinsame Abendessen statt. Ich lerne die ersten Schwestern kennen und hoffe, dass ich mir ganz schnell all ihre Namen merken kann. Meine versagende Stimme * hindert mich daran, mich ausführlich vorzustellen, aber dazu werde ich in den nächsten Tagen noch viele Gelegenheiten haben. Insgesamt fühle ich mich an diesem ersten Abend ganz herzlich aufgenommen. Ich bin von der Reise recht müde und gehe  früh in mein Zimmer, um ein wenig Schlaf nachzuholen.

* ... warum herrschen in Flugzeugen  nachts so arktische Verhältnisse?

 
Dienstag, 26.Februar

Heute verschlafe ich erst einmal das Frühstück. Schnell merke ich, dass ein besonderer Tag ist, nämlich der 60. Geburtstag von Sister Franziska. Es werden schon am Vormittag die ersten Vorbereitungen für die Feier am Abend getroffen. Mittags kommen alle Angestellten zu einer Tea Party im Hof des Schwesternwohnheims zusammen. Es gibt ein Geburtstagsständchen, so gut es geht singe ich “Happy Birthday” mit, bei allem was auf Marathi folgt bleibt mir nur das Mitklatschen. Ich hoffe sehr, dass ich in ein paar Wochen zumindest ein kleines bisschen sprechen kann. Nach ein paar Reden und dem besagten Tee löst sich alles sehr schnell wieder auf, schließlich muss der Betrieb im Krankenhaus weitergehen. Am Nachmittag  helfe ich mit, den Gemeinschaftsraum für die Feier am Abend zu schmücken. Als die Geburtstagstorte ankommt sind wir ganz überrascht, mit einer Schwarzwälder Kirschtorte hatte ich  hier nicht gerechnet. Als mit Luftballons alles feierlich hergerichtet ist, geht es auch schon bald los. Die ganze Familie von Sister Franziska ist gekommen. Einige, wie zum Beispiel ihr Neffe aus London haben sehr weite Wege auf sich genommen um mit dabei zu sein.

 Die Geburtstagsfeier beginnt mit einer Messe, in der das Engangement der Schwester besonders gewürdigt wird. Der Raum, in dem die Messe stattfindet ist auch farbenfroh geschmückt. Sister Sangita hat zur Feier des Tages ein riesengroßes Rangoli gestreut. Ich habe zwar schon  viele Bilder von “Festschmuck” dieser Art gesehen, aber so groß und glitzernd habe ich es mir nicht vorgestellt. Die Genauigkeit meiner Schätzungen lässt manchmal zu wünschen übrig, aber der das Rangoli hatte bestimmt einen Durchmesser von zweieinhalb Metern. Nach der Messe versammeln sich alle Gäste zum gemeinsamen Essen. Für diesen besonderen Anlass gibt es sogar  Fanta und Sprite. Ich unterhalte mich mit einigen der Gäste und besonders das Gespräch mit dem weitgereisten Neffen aus London ist interessant, weil sich eine ganz neue Perspektive auf Europa ergibt. Nach einer relativ kurzen Zeit wird es  hektisch und die Feier verlagert sich in einen anderen Raum. Als “Program” haben einige Kinder und Schülerinnen der Nursing School Tanz- und Schauspieleinlagen einstudiert und führen diese nun vor. Besonders die Tänze gefallen mir, dabei habe ich als Zuschauerin auch nicht das Gefühl wie beim Schauspiel einen erheblichen Teil der Darbietung nicht zu verstehen. Mit einer kleinen Dankesrede - es ist mittlerweile auch schon zehn Uhr - findet die Geburtstagsfeier ihr Ende.

 
Mittwoch, 27.Februar

Ich nutze den Tag heute vor allem um mich ein wenig zu erholen. Mit der Erkältung möchte ich noch nicht im Krankenhaus anfangen. Trotzdem hat mir heute eine Schwester schon die Station gezeigt, auf der ich als erstes mitarbeiten werde - im "nursery ward".  Ich bin froh, dass ich genug Zeit habe um hier in Ruhe anzukommen. Beim abendlichen Gebet erfahre ich, dass heute der eigentliche Geburtstag von Sister Franziska ist und so werden zahlreiche Geschenke, vor allem Saris, Tücher und praktische Haushaltsgegenstände wie zum Beispiel eine große “Multifunktionstaschenlampe” ausgetauscht. Es gibt den Rest der Geburtstagstorte mit Vanilleeis.


Donnerstag, 28.Februar

Ein ereignisreicher Tag. Mit Lucia und Dorothee bin ich am Vormittag ins Zentrum Shevgaons gelaufen. Vom Krankenhaus bis dorthin ist es nicht weit, in einer Viertelstunde erreicht man den Markt. Shevgaon ist eine sehr kleine Stadt, auf den Straßen herrscht aber buntes Treiben. Heute zum Beispiel mussten wir eine kleine Pause einlegen, da eine Prozession sich ihren weg durch die Straßen bahnte. Voran ein Junge der auf einer sehr großzügig geschmückten Kuh reitend den Anfang bildet. Ihm folgte eine große Gruppe festlich gekleideter Leute und als Abschluss ein Festwagen mit passender Musik. Touristen verschlägt es nach Shevgaon scheinbar nicht bzw. sehr selten. Umso exotischer muss das Bild von gleich drei blonden Mädchen sein. So wird das ein oder andere mal schnell die Handykamera gezückt als wir vorbeikommen.  Wir schauen noch im Internecafe vorbei wo die Schreibmaschinen zu meiner Überraschung zahlenmäßig die Computer überragen. Um eine Wassermelone und ein Tuch was sich später bedingt als Fehlkauf heraus stellt reicher machen wir uns auf den Rückweg. Beim Mittagessen muss eine Schwester schmunzeln als ich ihr meinen Einkauf zeige. Sie erklärt mir, dass solche Tücher normalerweise zur Hochzeitskleidung des Bräutigams gehören. Das Tuch ist  violett und der Rand mit goldenen Fäden verziert. Ich trage es trotzdem und werde wieder Erwarten nicht mehr darauf angesprochen.

 Am Nachmittag sind wir mit Sister Franziska in verschiedene Dörfer  gefahren, die am “Watershed Program” teilhaben. Im Verlauf des Blogs ist dieses Thema sicherlich schon aufgetaucht, dennoch möchte ich der Vollständigkeit halber kurz erzählen, wobei es sich bei diesem Projekt handelt. In der Region Maharasthras, in der einige Dörfer an diesem Projekt beteiligt sind ist es so trocken, dass das Bewirtschaften der Felder äußerst mühsam ist und die Erträge trotz großer Anstrengungen gering bleiben. Mit einer besonderen Technik soll der Grundwasserspiegel an besonderen Stellen etwas angehoben werden, sodass auch in Zeiten ohne ausreichend Regen die Ernten nicht ausbleiben. Durch das Aufstellen von speziellen Steinmauern soll die Winderosion eingedämmt werden, ,mit einem Auffangsystem für Regenwasser wird in der Monsunzeit das kostbare Wasser gesammelt. Vor allem fördert dieses Projekt aber auch die Kommunikation der Dorfbewohner untereinander.

 Auf der Autofahrt, welche schon ein Erlebnis für sich war, erzählt Sister Franziska  uns viel über die landwirtschaftliche Situation in in dieser Gegend, das Projekt und welche Ergebnisse schon erzielt wurden. Kurz vor der Ankunft im ersten Dorf macht sie uns immer wieder auf die grünen Felder aufmerksam, die aus der kargen Umgebung hervorstechen. Wir kommen im ersten Dorf an und weil es draußen zu warm ist, versammeln wir uns im Tempel. Sister Franziska betreut das Projekt in dieser Region und fährt in regelmäßigen Abständen in die Dörfer um mit den Leuten zu sprechen. Heute ist also so ein Tag. Bei den “Meetings” wird von der aktuellen Situation berichtet und besprochen ,was eventuell ansteht. Die Frauen übernehmen hierbei eine entscheidende Rolle. Üblicherweise trifft der Ehemann die Entscheidung, sollte zum Beispiel etwas für den Haushalt oder auch Saatgut gekauft werden. Um den Frauen, die einen erheblichen Anteil der Arbeit leisten neue Handlungsmöglichkeiten zu geben, wird zum Beispiel erklärt, wie man ein Bankkonto führt und auch durch Zurücklegen von wenig Geld schon Sicherheiten schaffen kann, besonders wenn man sich als Gemeinschaft zusammentut. Mittlerweile gibt es also  eine Art Fonds, der jedem, der sich beteiligt zur Verfügung steht, sollte dringend eine Anschaffung nötig sein die alleine nicht finanziert werden kann. Sollte medizinische Hilfe notwendig sein, stellen so die dadurch entstehenden Kosten  zumindest einen geringeren Grund zur Sorge da als vorher. Bei dem Treffen dürfen wir dabei sein und haben sogar die Möglichkeit, uns mit Sister Franziska als Übersetzerin mit den Frauen zu unterhalten. Nach einem Tee und einem Besuch  des Dorfladens machen wir uns auf den Weg zum Wassersammelbecken. Zu dieser Jahreszeit liegt dieses vollkommen trocken, aber die Kapazitäten lassen sich erahnen. Wir erkunden den  angrenzenden “Obstgarten” mit Granatapfelsträuchern, Baumwollpflanzen und Mangobäumen. Von den Orangenbäumen können wir einige Früchte pflücken und probieren. Köstlich!

Auf dem Rückweg halten wir bei einem Tempel und besichtigen diesen. Auch hier ist Sister Franziska keine Unbekannte. Im Auto ist noch Platz, wir rutschen zusammen und nehmen spontan noch  zwei Bekannte mit.

Am Ende des Tages gefällt mir der Gedanke, dass ich jetzt vielleicht schon ein kleines bisschen mehr weiß, wie viele von den Menschen, denen ich im Krankenhaus begegnen werde, leben.

 

Freitag,1.- Sonntag,3. März

Mit Lucia und Dorothee habe ich am Wochenende einen Ausflug nach Aurangabad,  gemacht. Aurangabad ist ca. 90 Kilometer von Shevgaon entfernt. Trotzdem ist man ungefähr zwei Stunden unterwegs, je nach “Straßenlage. Von dort aus haben wir die Ellora- und Ajanta  Höhlen besucht. Die Landschaftliche Umgebung gestaltet sich wie folgt: völlig flaches, sehr trockenes Land, zum großen Teil bewirtschaftet, trockengefallene Flussbetten, hier und da kleine Seen. Rund um Aurangabad erheben sich große Tafelberge.  Die Buddhistischen und zum großen Teil auch hinduistischen Höhlentempel wurden aus den Felswänden herausgemeißelt.  Sie sind reich mit Skulpturen, die Ajanta Höhlen auch mit Gemälden verziert. Mit Taschenlampen erkunden die Besucher die Höhlen. Wenn man auf die Details achtet, entdeckt man immer wieder kleine Überraschungen. Wir besuchen auch noch das Daulatabad Fort, eine Festung auf einem freistehenden Felsen, die architektonisch betrachtet als uneinnehmbar galt, jedoch schnell wegen mangelnder Wasserversorgung aufgegeben werden musste. Auch eine Miniaturversion des Taj Mahal stand auf dem Programm.


Montag, 4.- Mittwoch, 6.März

Ich bin wieder fit und kann  mit meiner Arbeit im Krankenhaus beginnen. Ich beginne mein Praktikum im "Nursery ward", der Station für Frühgeborene und kranke Neugeborene. Schwester Myra ist meine Ansprechpartnerin auf dieser Station und ich bin ihr für die vielen Erklärungen und die Geduld ,die sie mir entgegenbringt sehr dankbar. Sie spricht sehr gut Englisch und so können wir uns gut unterhalten. Am Anfang beobachte ich viel und versuche, das "System" auf der Station zu verstehen. Mittlerweile erledige ich kleine Aufgaben wie Botengänge zum Labor oder ins Büro und helfe morgens beim Bettenmachen. Ich schaue bei den Untersuchungen der Kinder zu und helfe bei der "Showertime", beim Baden  mit. Ich hoffe, dass ich mich gut einfügen kann und bin gespannt auf die nächste Zeit.

Mit Glory, einer angehenden Schwester aus Bangalore ( dort spricht man vorwiegend Tamil), lerne ich Marathi. Wir hatten schon eine "Unterrichtsstunde" mit Sister Velankani und ich hoffe, dass ich bald schon etwas mehr sagen kann als "Danke" und "Guten Tag".


Bis bald!

Rieke