Freitag, 9. Mai 2014

Meine letzten Tage in Indien


Hallo liebe Blog-LeserInnen,

seit meinem letzten Eintrag ist nun sehr viel Zeit vergangen und mittlerweile bin ich auch wieder zurück in Deutschland. Eigentlich wollte ich aus Indien nochmal schreiben, aber da die Lufthansa meine Rückreise verzögert hat war die letzte Woche sehr chaotisch und stressig. Deshalb jetzt noch ein Nachtrag zu meiner Zeit auf der Gynäkologie und meinem erlebnisreichen Wochenende in Aurangabad beim Chefarzt und seiner Familie.

Wie ich euch ja schon geschrieben habe, verbrachte ich die letzten zwei Wochen auf der gynäkologischen Station und im Entbindungssaal. Zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass ich hier nicht so viel mitnehmen konnte wie in der Chirurgie. Der Tagesablauf der Ärztin erschien mir etwas langweilig und eintönig. Die Ultraschall-Untersuchungen werden von einem Radiologen gemacht und die Kaiserschnitte sowie die gynäkologischen Operationen führte immer ein anderer Arzt durch, der selber nicht mal Gynäkologe war.
Ihre Arbeit bestand vorwiegend aus der Visite und den ambulanten Untersuchungen der Schwangeren. Hier musste ich sehr viel Eigenengagement zeigen um überhaupt etwas zu lernen. So oft es nur möglich war tastete ich eigenmächtig den Bauch der Schwangeren ab und versuchte die fetalen Herztöne mit dem Stethoskop zu hören. Vorwiegend ging es bei den ANCs (antenatal control) um die Bestimmung der Kindslage und den Schwangerschaftszeitpunkt.

Um nichts zu verpassen, musste ich selber schauen wann eine Entbindung oder eine Kaiserschnitt durchgeführt wurden und mir so selber meinen Tagesablauf organisieren. Für die natürliche Entbindung ist übrigens keine Hebamme zuständig, sondern eine dafür extra ausgebildete Krankenschwestern. In meine erste Entbindung bin ich eigentlich irgendwie so reingerutscht. Man hat mich einfach im Kreissaal stehen lassen, weil die Ärztin paar Unterlagen holen wollte und plötzlich lag da eine Schwangere, die für die Geburt vorbereitet wurde. Das ging alles so schnell, dass ich es eigentlich erst realisiert habe als das Kind schon draußen war. Irgendwie hatte ich es mir spektakulärere vorgestellt! Trotzdem war es etwas Besonderes als der kleine Zwerg dann da lag. Die Geburt an sich ist in Indien nicht ganz so emotional. Das Kind wird sofort von der Mutter entfernt, die Lungen werden abgesaugt und danach kommt es unter eine Wärmelampe. Es ist mehr wie Routine und nicht wie ein einmaliges Ereignis. Die erste Person, die das Kind im Arm halten darf ist die Schwiegermutter. Das wirkt alles sehr ruppig und kalt, aber das kann man auch erst nachvollziehen wenn man diese Kultur hautnah miterlebt und versucht die Überzeugungen der Menschen mit ihren Taten und Reaktionen in Einklang zu bringen. Wenn man die Mütter dann auf der Station mit ihren Babys sieht, ist es alles andere als emotionslos und kalt. Die ganze Familie ist zu Besuch und freut sich mit der Mutter und dem Neugeborenen. 

Vielleicht stellt sich jetzt der ein oder andere von euch an dieser Stelle die Frage, ob man sich denn über Mädchen und Jungen gleich stark freut!? Ich kann nur sagen, dass das Geschlecht auf jeden Fall noch eine Rolle in der indischen Gesellschaft spielt und die Probleme wie z.B. die Mitgift immer noch bestehen und auch eine große Hürde für die Familien darstellen. Dennoch habe ich sehr viele Familien gesehen, die sich über Mädchen gefreut haben, auch wenn es das Erstgeborene war. Dies ist jedoch stark von der Kastenzugehörigkeit und der finanziellen Situation der Familie abhängig. Um dies nur ansatzweise verstehen zu können  muss man sich schon sehr intensiv mit der indischen Kultur und der religiösen Überzeugung der Menschen auseinandersetzen. Egal wie objektiv man versucht sich mit diesem Thema zu beschäftigen man stößt doch immer wieder an die eigene moralische Grenze. Egal wie grausam die eigentliche Konsequenz dieser Selektion ist, man sollte nie vergessen in welcher verzweifelten Lage sich die Menschen hier befinden und sie selber auch ein Opfer des eigenen Systems sind. Es ist ein Teufelskreis, der die Einstellung Menschen prägt. Es ist mit Sicherheit keine Entschuldigung und man kann es drehen und wenden wie man möchte, aber man muss das Große und Ganze betrachten.
Dieses Thema ist eine Endlosschleife, deshalb werde ich es auch dabei belassen.

Zu guter Letzt, möchte ich euch noch über meinen kleinen Ausflug nach Aurangabad berichten. Nach anfänglichen interkulturellen Schwierigkeiten zwischen mir und dem Chefarzt und einem klärendem Gespräch, sind wir doch noch gute Freunde geworden, woraufhin er mir angeboten hat ein Wochenende mit ihm und seiner Familie in Aurangabad zu verbringen. Da ich in Indien keinen einzigen Schritt alleine auf die Straße machen durfte, war ich überglücklich doch noch etwas von diesem Land sehen zu dürfen. Vor allem weil es in Aurangabad und Umgebung vieles zu besichtigen gibt.
Am interessantesten fand ich es ein paar Tage mit einer indischen Familie zu leben und die Kultur live mitzuerleben. Eigentlich kann man sagen, dass die Familienstruktur kastenunabhängig ist. In einer indischen Familie zieht, nach der Hochzeit, immer die Frau zur Familie des Ehemannes.Trotz der Tatsache dass die Frau vom Chefarzt selber Ärztin ist, hat sie täglich einen straffen Zeitplan. Sie steht morgens um 5 Uhr auf, kocht für die gesamte Familie, danach geht’s für 45 min zum Joggen in den Park und dann schließlich in die Arbeit. Da die Frau zur Familie des Mannes zieht wohnt auch hier die Schwiegermutter mit im Haushalt und spielt in der Familienstruktur eine entscheidende Rolle. Als ich das Ganze ein wenig beobachtet habe, habe ich mich getraut zu fragen, ob es ihr denn nicht zu stressig sei, aber ihre Antwort war sehr entspannt: „Jeder Mensch braucht einen geregelten Tagesablauf, der immer gleich ist. Das ist wichtig für die körperliche und seelische Gesundheit“.
Auch wenn es für uns so scheint, als hätte die indische Frau nichts zu sagen und würde nur ihrem Mann gehorchen, ist es in der Realität etwas anders. Die Inderin sieht es als Lebensaufgabe sich um den Mann und die männlichen Nachkommen zu kümmern. Indische Frauen sind stark und selbstbewusst und müssen privat viele Entscheidungen alleine treffen weshalb sie sich auch nicht so schnell „unterbuttern“ lassen. Der indische Mann wäre ohne seine Frau absolut aufgeschmissen und definitiv nicht fähig alleine zu leben. Der ständige Druck von außen prägt den Charakter einer Inderin und macht sie zu einer starken Persönlichkeit. Aus persönlicher Erfahrung muss ich sagen, dass es sogar mit den weiblichen Ärzten schwieriger war klarzukommen. Eine Ärztin muss in der Männerdomäne „Medizin“ schon sehr die Ellenbogen ausfahren und machte es den Kolleginnen noch schwerer als mancher männliche Kollege.

In Aurangabad selbst, erwartete mich dann ein straffer Zeitplan. Der Chefarzt und seine Frau wollten mir an einem Wochenende so viel wie möglich zeigen und mir keine Köstlichkeit der indischen Küche vorenthalten. Nach den drei Tagen war ich total übermüdet und mehr als gesättigt J

Die wichtigsten und schönsten Sehnswürdigkeiten waren die Ellora und Ajanta Caves sowie Bibi Ka Maqbara. Zwischendurch haben wir noch ein paar kleine Hindu-Tempel besucht. Wir haben täglich ganz früh das Haus verlassen und sind teilweise um 1 Uhr morgens ins Bett gekommen. Das war ein sehr interessantes und intensives Touristenprogramm von einer ganz anderen Seite J Es war wirklich großartig und ich bin sehr dankbar, dass man mich so herzlich empfangen hat und ich für einige Tage Teil der Familie sein durfe.
Bibi Ka Maqbara "Little Taj Mahal" -
Erbaut vom Sohn des letzten Mogul Aurangazeb für seine Mutter

Ellora Caves

Buddha - Ellora Caves

Ellora Caves
Im Hintergrund sieht man die zerstörten Elefanten, die bis zum Zeitpunkt der Mogul-Herrschaft
vollkommen erhalten waren. Diese wurden im Auftrag der Mogule zerstört um alle anderen Religionen außer dem Islam aus Indien zu verbannen.

 
Ajanta Caves - Der Weg des Buddha ins Nirvana

Beeindruckende Fresken in den Ajanta Caves


Indische Köstlichkeiten (Vegetarisch und sehr proteinreich)

Restaurant und Entertainment - Kleiner Kamelausritt

Die Frau vom Chefarzt und Ich

Am Montag ging es dann wieder zurück nach Shevgaon. Dort erreichte mich dann die tolle Nachricht, dass mein Flug annulliert wurde. Nach vielem Hin und Her habe ich dann letztendlich einen neuen Flug gebucht und bin vier Tage später als geplant gut in Deutschland angekommen.

Gemütliches Beisammensein an meinem letzten Abend

Mein Fazit ist, dass ich definitiv wieder nach Indien reisen werde. Es war eine sehr aufregende und erlebnisreiche Zeit. Wie ihr aus meinen Blog-Einträgen entnehmen könnt, musste ich auch einige Hürden überwinden, von denen ich mich aber nicht habe unterkriegen ließ. In einem Land mit einer so anderen Kultur macht man eben auch schlechte Erfahrung. Diese haben mich jedoch geprägt und gestärkt.
Indien ist mit all seinen Gegensätzen und religiösen Ansichten ein bemerkenswertes Land in dem es viel zu entdecken gibt. Man muss sich nur auf das Land und die Leute einlassen, dann erhält man auch die Möglichkeit Erfahrungen zu machen, die man als Tourist nie machen würde. In beruflichem Umfeld sind die Inder nicht ganz einfach, aber privat sind sie die gastfreundlichste und herzlichste Nation, die ich kennengelernt habe. Ich vermisse jetzt schon meine Zeit in Indien und plane auf jeden Fall in naher Zukunft eine weitere Reise dorthin.

Ich hoffe,  es hat euch Spaß gemacht meinen Blog zu lesen und etwas von meiner Zeit in Indien zu erfahren. Es ist nicht einfach eine so vielfältige Kultur in Worte zu fassen, aber ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick verschaffen.

Noch kurz ein paar Worte zu unserem Einsatz als Verein. Das Projekt „Neues Labor“, ist momentan noch in Planung. Wie ich schon erwähnt habe, wird sich Ingear e.V. finanziell daran beteiligen und wir hoffen, dass sich schnell noch weitere Sponsoren finden, damit es endlich mit dem Bau losgehen kann.

Hiermit verabschiede ich mich aus diesem Blog und bin schon sehr gespannt was meine Nachfolger in Indien so erwartet.


Ganz liebe Grüße,
Iweta

Freitag, 21. März 2014

Village Work


Hallo liebe Blog-LeserInnen,

Seit meinem letzten Eintrag ist wieder einiges passiert an dem ich euch natürlich teilhaben lassen möchte.

Letzte Woche begleitete ich, für drei Tage, das Team vom Social Department bei ihrer Arbeit in den Dörfern (village work). Die Aufgaben der Schwestern umfassen in etwa die Arbeit eines Hausarztes aber mit Schwerpunkt Gynäkologie und Pädiatrie.
Es gibt hier in der Umgebung 45 Dörfer, die in regelmäßigen Abständen betreut werden müssen. Um dies zu gewährleisten ist das Team täglich unterwegs und schafft es ungefähr 3 Dörfer pro Tag abzuarbeiten. Die eigentlichen Aufgaben umfassen das Impfen der Kinder, die prä- und postnatale Betreuung der Mütter sowie das Testen auf HIV. Zusätzlich werden auch mal kleinere Wunden versorgt und im Bedarfsfall, Medikamente wie Paracetamol oder Hustensaft ausgeteilt. Das Ganze ist eigentlich sehr gut organisiert. Jede schwangere Frau besitzt einen Mutterpass und die Kinder einen sehr ausführlichen Impfpass in dem auch die Entwicklungsstufen des Kindes, Körpergröße und Körpergewicht dokumentiert werden. Diese Dokumente bleiben bei der Familie. Um sich aber doppelt abzusichern, müssen die Schwestern auch ihre eigene Dokumentation führen. Dementsprechend gibt es für jeden Ort ein großes Buch. Auch hier sind alle Impfungen (sogar die Nummer des Impffläschchens), Untersuchungen und Medikamente, die der Patient je gekriegt hat, genauestens notiert. Um bei so vielen Menschen und sich immer wiederholenden Namen nicht den Überblick zu verlieren, hat jeder Patient zusätzlich eine Nummer.
Generell wird die Arbeit des Social Departments vom Staat unterstützt. Das heißt, die Impfstoffe und  die regelmäßigen Untersuchungen der Schwangeren, werden teilweise aus staatlichen Mitteln finanziert. Dafür hat auch jeder Patient eine Social Card, in der alles eingetragen wird. Diese Aufgaben erfüllen  dann die Sozialarbeiter in dem jeweiligen Ort. … Soviel zur Bürokratie.

Die Schwestern vom Social Department, waren super lieb und haben mich sehr herzlich in ihr Team aufgenommen. Trotz der Tatsache, dass die meisten nur sehr wenig Englisch sprechen, haben sie sich sehr viel Mühe gegeben und mir alles erklärt. Die Dörfer in denen ich bis jetzt war, sind nicht so weit entfernt. Die längste Fahrt dauerte knapp 30 min.

An sich habe ich die Dörfer als viel schöner empfunden, als die größeren Orte. Es leben nicht so viele Menschen in einem Dorf und es ist viel sauberer als in der Stadt. Eigentlich hatte ich sogar manchmal das Gefühl, gar nicht mehr hier zu sein. Überall waren grüne Plantagen und Palmen. Der Wohnraum pro Familie ist viel größer und die Kinder haben viel mehr Möglichkeiten draußen in der Natur zu spielen. Hier in Shevgaon ist man gleich auf einer viel befahrenen Straße sobald man das Haus verlässt. 

Die Räumlichkeiten für die Arbeit des Social Departments bieten die Schulhäuser in den jeweiligen Dörfern. Wobei in den meisten Fällen das Schulhaus aus nur einem Raum besteht.
Mein erster Tag war wirklich sehr aufregend. Ich wusste ja gar nicht was mich so erwartet und wie die Leute auf mich reagieren. Für die Kinder war ich mehr oder weniger eine Attraktion J Sobald ich den Wagen verlassen habe, kamen sie schon angelaufen J Viele waren sehr mutig und neugierig, wollten wissen wie ich heiße und einfach mal schauen. Aber es gab auch viele, die sehr schüchtern und zurückhaltend waren. Ja schon fast geschockt!
Ein Mädchen (ungefähr 2 Jahre alt) saß sogar fast eine halbe Stunde mit dem Kopf nach unten geneigt neben mir und wollte mich partout nicht anschauen. Als man sie berührt oder angesprochen hat, saß sie wie versteinert da und reagierte nicht.  Ihr Kopf wanderte immer mehr in Richtung Oberschenkel  J Alle haben sich einfach nur köstlich amüsiert. Dann wurde es noch lustiger, als eine Mutter den Raum betrat, die Hand erschrocken vor den Mund nahm und plötzlich anfing zu lachen. Kurz darauf habe ich erfahren, dass momentan ein Film in den Kinos ausgestrahlt wird und ich der Hauptdarstellerin ähnlich sehe. Sie hat mich dann immer und immer wieder angeschaut und konnte gar nicht glauben, dass ich nicht die Schauspielerin bin. Sie war wirklich sehr sympathisch und wir haben noch viel zusammen gelacht.
An diesem Tag gab es für mich noch nicht so viel zu tun. Ich musste mich auch erst ein wenig einarbeiten und die Arbeitsabläufe verinnerlichen. Die Hauptarbeit in diesem Dorf war das Impfen der Kinder. Diese fanden es auch gar nicht so toll und haben viel geweint.
Am zweiten Tag fuhren wir in den Ort Indiranagar. Dieser ist nicht so weit weg von Shevgaon und auch nicht so schön wie die Anderen. Hier hatte ich die Möglichkeit das Leben der Menschen etwas näher zu erleben.
Da Sr. Sangeeta es sich zu Aufgabe gemacht hat, meine Ersatzmama zu spielen J wollte sie, dass ich so viel wie nur möglich in den Dörfern sehe und lerne – dafür bin ich ihr auch sehr dankbar. Also hat sich mich in diesem Ort rumgeführt, mir die Leute vorgestellt (die mich auch ins Haus gelassen haben) und mir generell erklärt in welchen Verhältnissen die Menschen hier Leben. Eigentlich habe ich hier im Krankenhaus bis jetzt nicht so viel davon mitbekommen. Natürlich sind die Patienten hier sehr arm und man sieht es ihnen auch an, aber ich habe es irgendwie geschafft eine gewisse Distanz aufzubauen, die es mir erlaubt all dies zu ertragen.
Als ich aber die privaten Verhältnisse und die Armut live erlebt habe, konnte ich diese Distanz nicht mehr wahren. Dieser Tag war sehr emotional für mich und ließ mich auch einige Nächte nicht richtig schlafen. Den Rest gab mir dann ein kleines Mädchen. Sie war vielleicht knapp über ein Jahr alt. Sie saß mir gegenüber und reagierte auf alles mit einem strahlenden Lächeln. Sie war so begeistert von mir, dass sie bei jedem Augenkontakt anfing lautstark zu lachen und ich die Hände klatschte. Eigentlich konnte sie sich kaum stillhalten vor Aufregung. Währenddessen wiederholte sie immer wieder auf Marathi das Wort „Schwester“. Sie war der absolute Sonnenschein. Als ich ihr die Hand reichte war es total aus. Sie stand auf und klatschte immer wieder ihre kleine Hand in meine und dann beide - sie war so glücklich darüber.
Als ich sie dann genauer betrachtete, sah ich wie schmutzig sie war. Ihr kleines Kleidchen hat überall Löcher und wurde bestimmt länger nicht mehr gewaschen. Sie wurde in solche Verhältnisse hineingeboren und weiß nicht was für ein Leben sie in Zukunft erwartet. Das einzige was ihr bleibt, ist sich über die einfachen Dinge zu freuen.

Die medizinische Versorgung, die das Social Department bieten kann ist nur ein Minimum dessen, was ein Mensch verdient. Aber  ohne das Social Department wäre nicht mal dieses Minimum gewährleistet. Sie wird ihre Impfungen bekommen und einen Hustensaft wenn sie erkältet ist - aber was kommt danach? Das was sie jetzt hat, sind ihre natürlichen menschlichen Instinkte. Sie lacht und freut sich über ein Lächeln, über eine Geste…nicht zu wissen, dass die Zukunftsperspektiven schlecht sind!
Trotz alle dem, habe ich niemanden in dem Dorf gesehen, der schlecht drauf war oder sogar depressiv. Stattdessen viele lachende Gesichter. Die Leute hätten hier allen Grund schlecht drauf zu sein und trotzdem managen sie ihre Lebenslage und machen das Beste draus. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es auch genügend Menschen gibt, die Existenzängste haben. Die Angst haben ihre Familie nicht mehr ernähren zu können. Sie arbeiten hart und versuchen eine Lösung zu finden, aber wenn es die nicht gibt, dann versuchen sich Viele das Leben zu nehmen. Nicht selten sehe ich solche Fälle im Krankenhaus. Vergiftungen und Verbrennungen aus suizidaler Absicht sind hier an der Tagesordnung.
 Ein weiteres emotionales Erlebnis an diesem Tag war meine erste gynäkologische Untersuchung. Diese Untersuchung wird bei allen Schwangeren in regelmäßigen Abständen durchgeführt und heißt ANC (Antenatal Control = vorgeburtliche Kontrolle). Hierbei wird der Blutdruck gemessen, der Urin auf Proteine und Glucose untersucht, ein HIV-Schnelltest durchgeführt und der Bauch palpiert. Bei der Palpation des Bauches kann man den Schwangerschaftsmonat und die Lage des Kindes bestimmen.
Hochmotiviert hat Sr. Sangeeta meine Hände genommen, sie auf den Bauch der Schwangeren gelegt und mir erklärt was ich genau spüren muss, um zu wissen, ob es nun der Rücken oder ein kleiner Fuß/kleine Hand ist. Mit dem Stethoskop konnte ich dann auch den Herzschlag hören. Es war wirklich ein wahnsinnig schöner Augenblick dieses kleine Lebewesen im Bauch zu spüren. Ich habe gelernt wie man mit nur wenig Mitteln sehr gut klinisch diagnostizieren kann ohne gleich eine Ultraschalluntersuchung machen zu müssen. Natürlich werden die Mütter auch zur Untersuchung ins Krankenhaus geschickt, aber zwischendurch muss man auch ohne moderne Diagnostik auskommen.

Den dritten Tag der Dorfarbeit verbrachten wir in Bhavi Nimgaon. Gleich in den ersten Minuten vor Ort bekamen wir Besuch… von einem Affen J Das war schon echt ein Erlebnis. Eigentlich hatten wir ihn auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser entdeckt. Plötzlich hatte er es sich wohl anders überlegt und kam verdammt schnell auf unsere Straßenseite. So schnell konnte ich gar nicht schauen, da saß er schon ca. 1 m von mir entfernt auf dem Boden. Die Kinder auf dem Schulhof brachen in Panik aus und liefen in alle Himmelsrichtungen. Auch um mich herum bildete sich eine Traube aufgeregter Kinder, sodass ich mich keinen Millimeter bewegen konnte. Zuerst war ich total erstaunt und überrascht, aber diese Gefühle lösten sich allmählich in Luft auf und wurden von Angst verdrängt. Das war wirklich ein riesen Tier. Der war gut über einen 1 m groß im Sitzen und sah nicht gerade so aus als wollte er kuscheln. Zum Glück schaute er sich nur kurz um und sprang dann blitzschnell auf das Dach des Schulgebäudes. Ich hätte wirklich gerne ein Foto gemacht, aber das Ganze ereignete sich binnen 10 sec.
Da ich ja am Tag zuvor sehr emotional berührt und geschockt war von den Lebensverhältnissen, hatte ich beschlossen für die Kinder Obst zu kaufen, damit sie wenigstens ein paar Vitamine zu sich nahmen.
Also habe ich auf dem Weg ins Dorf einige Kilo Trauben gekauft. Eigentlich habe ich nicht gewusst, dass wir uns diesmal auf dem Gelände einer sehr großen Schule (etwa 5 Klassen) befinden und ich hier nicht nur die Kinder vom Dorf kalkulieren muss. Auf jeden Fall habe ich das Obst so aufgeteilt, das ein Teil für die Kinder bestimmt war die mit den Müttern zum Impfen kamen und den Rest habe ich in der Schule verteilt. Der Schuldirektor war sehr freundlich und meinte ich solle doch nach der Pause einfach in die Klassen gehen und es dort verteilen. Das hab ich dann auch gemacht J Beim betreten des Klassenräume war ich total überrascht wie diszipliniert und brav die Kinder waren. Sobald die Lehrerin den Raum betrat war es mucksmäuschenstill und die Kinder sprangen auf, um sie mit einem lautstarken „Good morning Madam“ zu begrüßen. Auch als ich die Trauben verteilte kam von jedem Kind ein „Thank you Madam“ J Das war echt total süß!

Mamis, die mit ihren Kindern zum Impfen kommen
Als Dankeschön standen dann alle Kinder auf und haben für mich gesungen und getanzt. Leider hatte ich meine Kamera nicht dabei, sonst hätte ich es aufgenommen L
In diesen Kisten befinden sich alle Medikamente und
Impfstoffe.
Nachdem wir mit unserer Arbeit fertig waren, nahm mich Sr. Sangeeta mit in den Ort um mir einen Hindu-Tempel zu zeigen, von dem sie schon am Tag zuvor so geschwärmt hatte. Ich habe mich sehr geschmeichelt gefühlt, dass sie mir so viel Einblick in ihre Religion ermöglicht hat. In dem Tempel waren überall Blumen, Kerzen und Kokosnussschalen zur Dekoration und es duftete nach Räucherstäbchen. Nachdem sie kurz gebetet hat, griff sie nach einem kleinen Säckchen mit gefärbtem Pulver und bestand darauf mir einen Punkt auf die Stirn zu machen. Dies ist ein Zeichen für die Hindus, dass man im Tempel waren um zu Beten. Ich wusste erst nicht ob die Leute, dies als respektlos erachten wenn sie mich damit sehen, aber sie meinte dies wäre überhaupt kein Problem.
Es war ein wirklich sehr schöner und abenteuerlicher Tag.

Tempel in Bhavi Nimgao
 
Eintrittstor und Hof vor dem Tempel
(In diesem Torbogen muss man auch schon die Schuhe ausziehen)
 
 
Eingang zum Tempel
 
 
Nach dem Beten bekommt man diesen Punkt auf die Stirn.
 
 
 
 
Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich eine ganz tolle Zeit hatte und froh bin dabei gewesen sein zu dürfen. Ich habe einen ganz anderen Einblick in das Leben der Menschen bekommen und dafür bin ich sehr dankbar.

Abgesehen von meinen persönlichen und medizinischen Erfahrungen, die ich hier sammeln darf, habe ich für diese 2 Monate auch die Aufgabe der Projektbetreuung hier vor Ort. Wie der momentane Stand der Dinge ist und wie sich INGEAR e.V. hier in Zukunft einbringen wird, möchte ich euch noch kurz berichten.

Wie ich ja schon in meinem ersten Eintrag erwähnt habe, soll das Krankenhausgebäude erweitert werden, um mehr Räumlichkeiten für das Labor zu schaffen.  Da INGEAR e.V. dieses Vorhaben finanziell unterstützen möchte, hat die Klinikleitung am Wochenende den Architekten eingeladen, um gemeinsam die Baupläne und Kostenvoranschläge zu besprechen. Zusammen haben wir dann die einzelnen Posten aufgelistet und die Kosten kalkuliert.

Ich habe natürlich auch schon im Vorfeld das Labor besichtigt und mir einen Bild von der momentanen Situation und den Arbeitsabläufen gemacht. Das aktuelle Labor besteht aus einem Raum (geschätzte 25-30 qm) in dem alle Untersuchungen gemacht werden (Hämatologie, Biochemie, …). In diesem Raum halten sich die Mitarbeiter und die Patienten (plus Angehörige) auf. Überall stehen Behälter mit Urin, Sputum, Blutproben und die Chemikalien für die jeweiligen Untersuchungen. Wie ihr euch mit Sicherheit vorstellen könnt sind dies keine optimalen und v.a. sicheren Arbeitsbedingungen. Da das Krankenhaus hier in der Umgebung das Einzige ist, das auch arme Patienten behandelt, die finanziell keine Möglichkeit haben für medizinische Leistungen zu bezahlen, steigen die Zahlen an Untersuchungen kontinuierlich an. Die Kapazitäten des Labors sind mittlerweile ausgeschöpft. Eine Erweiterung ist diesbezüglich bitternötig.     

Nach Absprache mit der Projektleitung und den Vorsitzenden haben wir uns auf Folgendes geeinigt:
INGEAR e.V. wird auf jeden Fall einen Teil der Baumaterialkosten tragen und versuchen somit  die Verwirklichung des neuen Labors zu unterstützen. Falls es nötig sein wird das Laborinventar in Zukunft aufzustocken, werden wir auch hier eine Lösung finden. Wie es mit dem Bauvorhaben weitergeht werden wir euch natürlich in regelmäßigen Abständen berichten.
Ich hoffe, dass ich auch die Möglichkeit haben werde hierher zurück zu kehren, um den fertigen Neubau zu besichtigen.   

Die letzten zwei Wochen meines Aufenthaltes werde ich in der Gynäkologie/Entbindungsstation.
Ich bin schon sehr gespannt was mich da erwartet. Vor allem freue ich mich auf den Entbindungssaal, da ich noch nie bei einer Entbindung dabei sein durfte J  

Bis dahin verabschiede ich mich für die nächsten Tage und werde nächstes Mal über meine Erfahrungen auf der neuen Station berichten.

Namaste,
eure Iweta

 

Samstag, 8. März 2014

Hindu-Hochzeit

Hallo liebe Blog-LeserInnen,

wie versprochen berichte ich nun in einem weiteren Blog-Eintrag über meine Erlebnisse hier in Indien und versuche euch einen kleinen Einblick in die Kultur und das Land zu verschaffen. Das wohl bisher spannendste und schönste was ich erlebt habe, war eine original Hindu-Hochzeit im traditionellen Maharadscha-Stil. Ich hatte wirklich Glück als mich Sr. Hilda (das ist die Klinikleitung) gefragt hat, ob ich Lust hätte Sie am Wochenende auf eine Hochzeit zu begleiten. Eigentlich habe ich gar nicht nachgefragt, ob es sich um eine christliche oder nicht-christliche Hochzeit handelt. Da ich hier in einem katholischen Kloster bin, ging ich im ersten Moment von einer christlichen Hochzeit aus.

Der christliche Glaube wird hier sowieso anders ausgelebt als bei uns. Gerade deshalb war es schon spannend genug für mich Teil der Hochzeitsgesellschaft zu sein und zu sehen welche indischen Traditionen die klassische christliche Zeremonie prägen. Wie sich später jedoch herausgestellt hat, war es eine Hindu-Hochzeit. Was die ganze Sache noch aufregender gemacht hat.

Da ich ja gerade Unterschiede im christlichen Glauben erwähnt habe, möchte ich kurz näher darauf eingehen. Es gibt eine Sache, die mich total überrascht hat, und zwar der Baustil der Kirchen. Wenn man also eine Kirche sehen möchte und nach historischen Gebäuden z.B. im Barock- oder Gotik-Stil sucht und dann auch noch prunkvoll geschmückte und mit Gold verzierte Altäre Ausschau hält, wird man enttäuscht. Solche Kirchen wie wir sie kennen, die dem Regensburger Dom oder dem Vatikan ähneln gibt es hier einfach nicht. Ich persönlich empfinde beim Betreten einer Kirche immer etwas Besonderes. Ich bin fasziniert von der wunderschönen Architektur, den riesengroßen heiligen Hallen in denen man sowohl von prächtigen Fresken und Skulpturen als auch der ganzen Historie umgeben ist. Wer schon mal in Rom war und einen Caravaggio oder eine der vielen unbeschreiblich schönen Skulpturen von Bernini & Co. gesehen hat, weiß wie viele Stunden man in einer Kirche verbringen kann.
So und dann kam in der Tat der erste (und hoffentlich letzte  ) Kulturschock!

Ich hatte gleich am Anfang meines Aufenthaltes die Gelegenheit auf ein Kirchenfest zu fahren. Die Kirche, die ich nun beschreiben werde heißt „Infant Jesus“. Mein erster Gedanke war,… Oh wie in Las Vegas! Jeder von euch stellt sich jetzt wahrscheinlich bunte Lichter, Leuchtreklamen, Musik und Casinos vor!? Wenn wir nun die Casinos weglassen, dann entspricht es dem Erscheinungsbild dieser Kirche. Die Fassade ist pink. Das ganze Gebäude, ob innen oder außen, war mit Girlanden, Lichterketten und ganz vielen bunten Blumen geschmückt. Vor dem eigentlichen Kirchengebäude, war eine offene Kapelle, die aussieht, wie ein nicht ganz so geschickt lackierter „Spielzeughügel“ aus Plastik. Wenn man nun oben angekommen ist, findet man eine Plastikfigur in einem Glaskasten, die Infant Jesus darstellen soll. Auch hier wieder, Werbebeleuchtung und Girlanden. Dieser Hügel steht auf einem blau lackierten Boden und davor befinden sich Palmen. Wenn man also nicht so genau hinschaut, könnte man denken es handelt sich um eine Kapelle mit Pool und Palmen davor.









Das ist die Statue von Infant Jesus draussen in der
Kapelle.







Das ist die Statue von Maria (auch in der Kapelle).




Das ist die beschriebene Kapelle mit den Palmen aussen rum.











 In der Kirche drin.






Wer schon mal in Indien war, der kennt bestimmt die Tatsache, dass die Inder gern mit Farbe arbeiten. Je bunter und auffälliger, desto besser. Deshalb hat man oft den Eindruck sich in einer Spielzeugwelt zu befinden

Jedoch, habe ich mir sagen lassen, dass es im Bundesstaat Kerela (das ist ganz im Süden Indiens), ganz anders sein soll als im Rest des Landes. Es gibt dort auch viele historische Kirchen. Kerela ist angeblich generell etwas Besonderes.
Leider werde ich es bei diesem Aufenthalt nicht schaffen den Süden zu bewundern, aber eins steht fest… das ist zwar mein erster, aber definitiv nicht letzter Besuch in Indien. Der Gottesdienst ist vom Ablauf her wie bei uns, dennoch ist die musikalische Darbietung deutlich ansprechender. Man hat das Gefühl auf einer Party zu sein. Die Musik ist sehr rhythmisch und fröhlich. Trommeln und Rasseln kommen zum Einsatz und die Leute sind mit Leib und Seele dabei.

So, nun komme ich zum eigentlichen Ereignis – der Hindu-Hochzeit!

Eigentlich kann man sagen, es war wie im Märchen. Schon kurz vor der Abfahrt hatte ich mein persönliches kleines Highlight des Tages – das Anziehen meines ersten Saris  Da der Stoff für den Sari gefühlte 100m lang ist, brauchte ich definitiv Hilfe. Das war dann auch echt süß als plötzlich die Schwestern in meinem Zimmer standen und jeder sehen wollte wie es aussieht. Ich kam mir vor als wäre es meine Hochzeit. Ich stand regungslos da, mit den Armen nach oben und 2 Schwestern zupften an mir rum, falteten geschickt den Stoff in viele verschiedene Richtungen, hier und da eine Sicherheitsnadel und dann kam in ihnen der Perfektionismus durch. Die Falten haben beim Sari nämlich keine Eigenleben. Sie werden kunstvoll hin drapiert und dann müssen sie auch so bleiben. Sogar beim Gehen kam immer wieder eine Schwester, die eine Falte entdeckte, die aus der Reihe tanzte. Nach einem kurzen Wie-Trage-Ich-Meinen-Sari-Crashkurs, ging es dann endlich los. Eine dreistündige Autofahrt lag vor uns.

 
Die Feier an sich fand in Aurangabad in einem Hotel/Veranstaltungshaus statt. Das war wirklich super schick, mit wunderschönen Fließen, prächtig geschmückt, sauber und mit viel Liebe zum Detail. Schon gleich beim Aussteigen aus dem Auto, wurde man von Trommeln und Trompeten begrüßt. Die Leute tanzten um den Bräutigam herum und riefen irgendetwas auf Marati. Alle Autos waren mit Blumen geschmückt und ein roter Teppich auf dem Boden wies uns den Weg zur eigentlichen Veranstaltung. Gleich am Eingang stand eine große Statue von Lord Ganesha (ein Gott aus dem Hinduismus, der immer zum Einsatz kommt wenn etwas Neues beginnt. Wie z.B. ein neuer Lebensabschnitt nach der Eheschließung, oder ein neues Haus etc.). Der Vater des Bräutigams stand schon am Eingang um uns zu begrüßen. Diesbezüglich muss ich auch ergänzen, dass sich im Hinduismus Mann und Frau nie berühren, d.h. man gibt sich nicht die Hand zur Begrüßung. Zwischen zwei Frauen ist das kein Problem, aber zwischen Mann und Frau kommt es nicht vor. Stattdessen nimmt man beide Hände zusammen wie zum Beten, hält sie auf Brusthöhe und verneigt sich respektvoll voreinander. Wenn man das direkt als Teil dieser Kultur und live miterlebt, hat es schon etwas sehr Spirituelles. Die ersten Versuche wirken meist sehr angespannt und zeitlich unkoordiniert mit dem Gegenüber, aber mit der Zeit wird diese Bewegung sehr weich und langsam. Eine sehr schöne Geste.

Dies war der Eingang zum Gebaeude mit der
Statue von Lord Ganesha im Eingangsbereich.
 
 Als wir dann, das Gebäude betreten haben war im Erdgeschoss alles für die Beköstigung der Gäste hergerichtet und im 1. Stock fand die Hochzeitszeremonie statt. Auch hier folgte man wieder einem roten Teppich. Das Treppensteigen war auch die erste Herausforderung für das Tragen meines Saris  Ich stelle mich an als hätte ich an Ballkleid an und müsste beidseitig das Kleid heben um nicht zu stolpern. Naja, das konnte Sr. Hilda nicht wirklich lange mit ansehen und zeigte mir gleich die passende Grifftechnik. Und siehe da, ... es reicht ein kurzer Griff mit der linken Hand und schon kann man ganz elegant mit einem Saris Treppensteigen. Oben angekommen, wurde ich erst mal von tausenden von Eindrücken überrollt. Die Frauen trugen ihre schönsten Saris, Blumen im Haar und die goldenen Ketten und Armbänder glitzerten und funkelten um die Wette. Es war so unwahrscheinlich bunt. Der ganze Saal war mit den schönsten Blumen geschmückt. Wobei ich sagen muss, dass dies auch so eine schöne Eigenschaft der Inder ist, alles mit Blumen zu schmücken. Auch im Krankenhaus stehen auf jedem Tisch frische Blumen, die den Raum mit Farbe und Duft ausfüllen. Die Zeremonie selbst fand auf einer Bühne statt. Diese war natürlich auch reich geschmückt. Neben der Bühne saßen die Mitglieder der „Band“, die nicht nur für die Musik sondern auch für die Gebete zuständig war. Bevor der Bräutigam den Saal betritt, fängt die Band an, auf musikalische Art und Weise (übrigens wieder mit Trommeln, Rasseln etc.), zu den einzelnen Göttern der Hinduismus zu beten.

Kurzer Abstecher in den Hinduismus:
 Im Hinduismus gibt es einen Ur-Gott, Vishnu, er ist der Erhalter des Universums und der Ursprung aller Dinge. Laut der Hindu-Mythologie hat sich Vishnu neun Mal auf der Erde inkarniert, d.h. er ist neun Mal in verschiedenen Formen auf die Welt gekommen. Diese Inkarnationen (=Avatar) sind Matsya (Fisch), Kurma (Schildkröte), Varaha (Eber), Narasinha (Löwenmensch), Vamana (Zwerg), Parashurama („Rama mit der Axt“), Krisha und Buddha. Vishnu ist quasi der universelle Gott und alle anderen Götter sind aus ihm entstanden. Auf Grund dieser Göttervielfalt ist auch diese Religion so facettenreich und kaum in ein paar Sätzen zu beschreiben. Es gibt auch nicht nur eine Bibel, sondern eine ganze Bibliothek von heiligen Schriften mit unterschiedlichen Inhalten und Aussagen. Dies erklärt auch, warum die Religion so unterschiedlich ausgeübt wird. Es ist üblich, dass man an einen Gott glaubt und je nach Lebenssituation auch zu einem anderen Gott betet. Denn jeder Gottheit werden unterschiedliche Eigenschaft zugesprochen. Auch die Hindu-Tempel sind immer einer Gottheit geweiht und Grund für lange Pilgerfahrten der Hindus. Das Interessante ist auch, dass es im Hinduismus viele Methoden gibt, sich dem göttlichen zu nähern wie z.B. verschiedene Arten von Meditation, Köper- und Atemübungen. Diese werden bei uns unter dem Oberbegriff „Yoga“ zusammengefasst. Der Sinn besteht darin das Göttliche im Menschen zu wecken und aus dem Kreis der lehrreichen Wiedergeburten erlöst zu werden. Die Wiedergeburt ist das wichtigste Prinzip des Hinduismus.

Wenn wir das Wissen nun in die Hochzeitszeremonie einbauen, wird es etwas verständlicher. Denn in diesem Fall wird jeder Gottheit ein Gebet gewidmet. Während dieser Gebete kam dann der Bräutigam, begleitet von Musikern mit speziellen Maharadscha-Trompeten und Pauken. Eine weitere Person hielt über ihm einen wunderschönen orange-roten Sonnenschirm aus Stoff. Die ganze Gruppe betrat dann mit dem Bräutigam die Bühne und spielte so lange weiter bis auch die Braut den Raum betrat und zu ihrem zukünftigen Mann begleitet wurde. Die Braut trägt einen aubergine-farbenen Sari und passend dazu einen sehr aufwendigen Schleier, der unter anderem auch an ihren Ohrringen und dem Nasenpiercing befästigt ist. Die meisten Hindu-Frauen haben ein Piercing am linken Nasenflügel und tragen dort auch sehr ausgefallenen Schmuck. Auch Ohrringe, Ketten und bunte Armreifen gehören zum Alltag. Wichtig ist auch noch, die Markierung auf der Stirn mit einem roten Punkt und die Mehndi Bemalung der kompletten Unterarme und Hände incl. der Handflächen.

Der wartende Braeutigam
Weiter zur Zeremonie,…die beiden standen sich dann auf dieser Bühne gegenüber und so ähnlich wie bei „Herzblatt“, wird ein weißes Tuch mit einem roten Hakenkreuz zwischen ihnen gespannt, so dass sie sich nicht mehr sehen können.

Das Hakenkreuz oder auch Swastika genannt, ist übrigens ein altes Glückssymbol im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, das oft an Tempeln oder Hauswänden zu sehen ist. Es war in vielen alten Kulturen Asiens und Europas als Symbol verbreitet, wahrscheinlich am frühesten in Indien. Es hat hier keinerlei politische Bedeutung.

Hier stehen sich die beiden gegenueber mit dem Tuch dazwischen.
Dann folgten viele Segnungssprüche und Zeremonien. Leider konnte man nicht so viel sehen, da sich eine große Menschentraube um das Paar geschart hat. Zwischendurch (bei einer bestimmten musikalischen Aufforderung der Band) schmeißt man dann gefärbten Reis nach vorne. Ich hab nicht mitgezählt, aber es war schon 6-8 Mal. Diesen Reis bekommt man ganz am Anfang in so kleinen selbstgemachten Stoffsäckchen, die aus dem gleichen Stoff sind wie die hinduistische Kopfbedeckung, die die Männer bei dieser Hochzeit trugen. Dann legte der Bräutigam der Braut eine spezielle Kette um den Hals, die symbolisch für die Eheschließung steht und eigentlich nicht mehr abgenommen werden sollte. Das kann man mit unseren Eheringen vergleichen. Typische Kennzeichen einer verheirateten Hindu-Frau sind also die Kette, der rote Punkt auf der Stirn und sehr häufig auch ein kleiner Ring an einer Zehe.

 Nach der Hochzeit stellten wir uns in einer langen Schlange an um dem Paar persönlich zu gratulieren. Eigentlich waren wir schon wieder auf dem Weg nach unten, als uns der Vater des Bräutigams abfing und darauf bestand noch ein Foto mit dem Paar und der Familie zu schießen. Also wieder zurück auf die Bühne, die man an diesem Tag in der Tat als Bühne bezeichnen konnte. Denn in so viele Kameras schauen normalerweise nur Angelina Jolie & Co. Es war wirklich der Wahnsinn wie viel professionelles Personal engagiert worden waren um diesen Tag in Form von Fotos und Filmen fest zu halten. Überall stand auch spezielles Equipment für Beleuchtung etc.

Das glueckliche Ehepaar :)
Danach ging es zum Essen. Auch hier nicht das gewohnte Büffet oder Menüwahl,.. nein… man setzt sich hin, bekommt einen Teller und dann laufen Kellner mit Schüssel und anderen Behältnissen mit Essen rum und servieren direkt am Tisch. Das sah wirklich sehr schön aus, denn die Kellner waren alle traditionell angezogen (roten Kopfbedeckung) und balancierten die silber- und kupferfarbenen Behälter in ihren Händen. Das war auch das erste Mal, dass ich mit der Hand essen musste. Ich weiß noch ganz genau wie Sr. Hilda gelacht und gesagt hat: „Today you have to manage to eat with your hand“! Kein Problem! Wenn man sich das Chapati (=pfannkuchenartiges indisches Brot) zur Hilfe nimmt und die Inder schon mal beim Essen beobachtet hat, stellt man sich gar nicht so doof an. Das Problem war eher, das Essen mit einer Hand – und zwar mit der Rechten. Die Linke ist ja die unreine Hand und muss die ganze Zeit unter dem Tisch verweilen. Eigentlich nicht so schlimm, nur das reißen von dem Chapati ist mit einer Hand nicht so leicht  Ich hab’s trotzdem geschafft. Danach ging es eigentlich wieder in Richtung Shevgaon. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, „und was ist mit der Party“? Naja, …die gab es nicht! Es ist wohl nicht so üblich auf einer Hindu-Hochzeit zu tanzen. Aber genau so vielfältig wie die Religion ist, sind auch die Bräuche und Zeremonien der Hochzeiten. Es gibt Regionen in den getanzt wird und genauso kann es sein, dass die Festlichkeiten einen oder mehrere Tage dauern. Hier war es nur ein Tag und kein Tanz.

Beim Essen
Auch wenn es nicht ganz so lange gedauert hat wie ich gedacht habe, war es ein unvergessliches Abendteuer und ich bin sehr dankbar dabei gewesen sein zu dürfen. Wie ich beim zweiten Durchlesen merke, ist es wieder ein ganzer Roman geworden  …. Eigentlich ist es nur die Kurzfassung! Ich hoffe, dass ich euch die indische Kultur ein kleines Stückchen näher bringen konnte. Auch wenn es sicherlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Leider bin ich schon seit einer Woche krank und kann euch noch nicht so schnell über die Dorfarbeit berichten. Ich hoffe, dass es mir am Montag wieder gut geht und somit neue Aufgaben auf mich zukommen 

Ganz liebe Grüße aus Indien,

Eure Iweta




 

Freitag, 28. Februar 2014

Erlebnisse im Krankenhaus

Hallo liebe Blog-LeserInnen,

seit meinem letzten Blog-Eintrag sind nun fast 2 Wochen vergangen und es ist wieder eine Menge passiert. Da ich letztes Mal noch nicht so viel zum Krankenhaus-Alltag berichten konnte, fange ich jetzt am besten gleich damit an.
Mein erster Einsatz ist auf der chirurgischen Station (surgical ward). An sich sieht der Alltag so ähnlich aus wie bei uns. Der Tag beginnt um 8.30 Uhr mit der Visite auf Station, dann folgen die Operationen bis ungefähr um 11 Uhr und danach kommen die Patienten in die chirurgische Ambulanz. Zwischen 13 Uhr und 15.30 Uhr ist Mittagspause und um 18 Uhr ist dann Feierabend. Wahrscheinlich denkt ihr euch jetzt „oh ist ja gar nicht so stressig“ und da habt ihr an sich auch recht, aber das hängt auch von der Station ab. In der Gynäkologie gibt es sehr viel zu tun und die Babys kommen auch mitten in der Nacht. Aber an sich ist es in der Tat sehr entspannt. Wobei das nicht nur im Krankenhaus so ist. Die Inder sind generell ziemlich ruhig und gelassen, auch im Straßenverkehr.  Man nutzt jede Gelegenheit um irgendwo in Ruhe einen Tee oder Kaffee zu trinken und da lassen die sich auch nicht stressen. Am Anfang habe ich das schon als sehr langweilig empfunden, weil ich aus Deutschland einen ganz anderen Rhythmus gewohnt bin und da selten Zeit zum Teetrinken bleibt. Ich war auch stets immer pünktlich wenn man mir eine Uhrzeit genannt hat. Tja,… das war ein Fehler.

 Immer wenn ich kam hieß es nur „Sit Sit..“ und dann musste ständig zwischen 30-60 min auf die Ärzte warten. Mittlerweile hab ich gelernt die Situation einzuschätzen und weiß nun wann die Ärzte da sind und wann sie sich vielleicht doch entscheiden ein zweites Frühstück einzunehmen (das zweite Frühstück ist hier übrigens ganz normal).Oh, jetzt hätte ich beinahe den Mittagsschlaf vergessen. Der ist hier auch quasi „heilig“. Das ist auch immer ganz süß wenn die Schwestern merken, dass man müde ist kommt gleich die Aussage „take a rest“. Eine Angewohnheit, die ich jetzt nicht unbedingt als störend empfinde. 
Wenn man sich diesem Rhythmus anpasst dann merkt man auch mit der Zeit, dass es Vorteile hat sich weniger zu stressen. Man ist in der Tat viel leistungsfähiger und lockerer. Ich muss auch dazu sagen, dass es am Nachmittag sehr heiß wird und man sehr schnell erschöpft ist. Deshalb sind die Operationen auch immer vormittags, denn im OP gibt es keine Klimaanlage.

Nun zurück zu meiner Tätigkeit in der chirurgischen Abteilung. Anfangs war es echt schwer, weil die Patienten kein Englisch sprechen sondern nur Marati. Ich habe also kein Wort von dem verstanden was die Ärzte mit den Patienten gesprochen haben. Vor allem bei der Visite hatten die auch keine Zeit mir irgendetwas zu übersetzen. Viele Schwestern auf der Station können auch kein Englisch und da musste ich mich zunächst mit Händen und Füßen verständigen. Wenn man dann auch noch neu ist fühlt man sich schon mal ganz schnell alleingelassen und überfordert. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass die ersten Tage echt hart waren und ich mich schon gefragt habe ob es die richtige Entscheidung war herzukommen. Die Sprachbarriere ist groß und viele wollen auch einfach kein Englisch sprechen.
Am Rande möchte ich auch noch anmerken, dass es in Indien als Frau und v.a. als Ärztin nicht leicht ist. Ich habe schon das Gefühl, dass die Ärztinnen schon ordentlich die Ellenbogen ausfahren müssen. Naja und auch ich als Studentin kam in den Genuss der indischen Kultur bezüglich Mann und Frau. Nachdem ich es irgendwie geschafft habe von den männlichen Ärzten nicht mehr ignoriert zu werden, konnte ich mich mental endlich ein wenig zurücklehnen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht ununterbrochen auf dem Prüfstand stehe. Gleich am Anfang habe ich vom Chefarzt ein schönes englisches Chirurgie-Buch bekommen, also quasi die Chirurgie-Bibel. Und bevor ich den Operationssaal betreten durfte musste ich mich am Tag vorher theoretisch auf die OP vorbereiten und während des Eingriffes Fragen dazu beantworten. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass das Buch knapp 1300 Seiten hat und wahrscheinlich in der kleinstmöglichen Schriftgröße gedruckt wurde die es gibt und Bilder sind eine Rarität. Mittlerweile wiederholen sich die OPs, aber anfangs habe ich schon knappe 4-5 Stunden am Tag gelernt. Auch wenn es echt anstrengend war und ich schon sehr angespannt war, kann ich nun sagen, dass es sich gelohnt hat. Ich habe viel gelernt und durfte bei verschiedenen OPs assistieren. Was eigentlich ein echter Luxus ist. In Deutschland stehen neben dem Operateur noch Assistenzärzte, PJler (=Medizinstudenten im Praktischen Jahr) und OP-Schwester am Tisch. Aber hier nur ich, der Operateur und eine Schwester. D.h. ich bin quasi 1. Assistent und darf auch Haken-halten, Skalpell anlegen etc. und der Chirurg ist nur für mich da und nimmt sich Zeit meine Fragen zu beantworten. Da kann man echt viel lernen.

Woran ich mich auf keinen Fall gewöhnen werde, ist die Tatsache, dass eine Krankenschwester der Anästhesist ist. Ich bete jedes Mal wenn der Patient eine Spinalanästhesie bekommt. Die Nadel zu legen ist ja das eine, aber ganz genau zu wissen welche Anästhetika wann und wieviel gegeben werden ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und sollte definitiv von einem Arzt mit entsprechender Facharztausbildung durchgeführt werden. Aber es hat es sich gelohnt, dass INGEAR e.V. den Monitor für die Überwachung der Vitalfunktionen im OP finanziert hat. Denn gleichzeitig manuell den Blutdruck messen, Puls messen und die Anästhesie überwachen ist ein schwieriges Unterfangen und kann für den Patienten lebensgefährlich sein.

Dies ist einer zwei OPs und auf der linken Seite seht ihr den Monitor.
 
 
 
Assistieren bei der OP einer Hydrocele. (links: Chefarzt, rechts: OP-Schwester)
 


Hier wurde aus medizinischen Gruenden eine Beschneidung durchfuehrt.


In der Ambulanz kann ich fast jeden Patient auch klinisch untersuchen wie z.B. Herz und Lunge mit dem Stethoskop auskultieren, Brust u. Abdomen (Bauch) untersuchen, Schilddrüsen untersuchen, diverse Schwellungen und Abszesse tasten uvm. Sehr viele Patienten kommen wegen Bauchschmerzen, was dann meistens auf die Diagnose Blinddarmentzündung oder Nierensteine hinausläuft. Bei Kindern sind es häufig irgendwelche Fremdkörper im Ohr/Nase, Mandelentzündungen und bei Jungen sind es Vorhautverengungen, die dann auch operativ behoben werden müssen, sprich sie werden beschnitten. Das häufigste sind jedoch Infektionen jeglicher Art. In dem Fall kommen die Patienten mit geschwollenen Lymphknoten und dann muss man erst Detektivarbeit leisten. Hier kommen dann alle möglichen Untersuchungen zum Einsatz, aber vor allem wird hier das Labor tätig. Das Labor ist auch ein Punkt auf meiner Liste, den ich mir genauer anschauen werde. Denn hierfür bestehen von Seiten der Klinikleitung Pläne für einen Ausbau und eine Modernisierung um noch mehr Untersuchungsmöglichkeiten bieten zu können. Vor allem soll das Labor um einen pathologischen und mikrobiologischen Untersuchungsraum, mit entsprechender Ausstattung, erweitert werden.

In Anbetracht der Tatsache, dass Infektionskrankheiten bei dem Patientenklientel dominieren, wäre es mit Sicherheit sinnvoll das Spektrum zu erweitern um noch schneller und v.a. effektiver arbeiten zu können. Denn Antibiotika werden hier eingesetzt wie Wasser. Fast jeder Patient wird mit einem oder sogar mehreren Antibiotika behandelt und das immer per Infusion. Sogar die Patienten die ambulant kommen kriegen eine Infusion. Man muss sich einfach vorstellen, dass überall auf den Gängen (drinnen und draußen) die Patienten bei 35 Grad auf provisorischen Liegen ruhen und warten bis die Infusion durch ist. Das fand ich am Anfang schon sehr gewöhnungsbedürftig. Ich kann momentan noch keine Aussage dazu machen inwieweit INGEAR e.V. hier finanziell unter die Arme greifen wird. Dafür fehlt mir noch der Einblick in die Arbeit auf den anderen Stationen und im Labor. Man muss vor allem sehen, ob es nicht noch wichtigere Dinge gibt, die das Krankenhaus braucht. Wie gesagt, dafür ist es noch zu früh.
Ich werden während meines Aufenthaltes hier noch auf die andere Stationen rotieren und dann kann ich mir auch ein Bild von der Gesamtstruktur und der Arbeit hier vor Ort machen. Für weitere differentialdiagnostische Untersuchungen gibt es auch ein Röntgengerät und ein Ultraschallgerät. An mehreren Tagen in der Woche kommt dann ein Arzt ins Haus der den ganzen Tag nur für die sonographischen Untersuchungen zuständig ist. Das sind dann Patienten, die in der Ambulanz waren und hausintern zur Ultraschalluntersuchung überwiesen werden. Das geht dann auch ganz schnell. Der Arzt schreibt sofort per Hand einen Bericht, der landet in der Patientenakte und dann stellt sich der Patient nochmal beim überweisenden Arzt vor, der auch schon den Bericht in der Hand hält.

Wenn eine Untersuchung benötigt wird, die im Haus nicht gemacht werden kann, wird der Patient woanders hin überwiesen und kommt dann 2 oder 3 Tage später mit dem Bericht und entsprechenden Bildern wieder. Ich muss sagen, ich war sehr überrascht wie schnell und effektiv hier gearbeitet wird. Vor allem muss man bedenken, dass wir hier absolut auf dem Land sind und es sich oft um Patienten handelt, die für die Behandlung im Krankenhaus nicht bezahlen können. Dazu ist die Verkehrsanbindung nicht so gut und somit müssen die Patienten schon fast eine halbe Weltreise machen um die Untersuchung zu bekommen. Trotz alle dem klappt es sehr gut.

Ich hoffe ihr konntet jetzt einen kleinen Einblick in die Arbeit und Situation hier in Shevgaon bekommen. Ich bin selber gespannt was mich noch in den nächsten Wochen auf den anderen Stationen so erwartet. Einen großen Teil werde ich noch in der Gynäkologie verbringen und dann noch ein paar Tage die Schwestern bei ihrer Arbeit in den Dörfern begleiten. Das ist quasi eine Art erweiterter Hausbesuch, aber auch Hilfe für die Leute, die nicht ins KH kommen können. Wie das genau aussieht und was hinter dieser Arbeit steckt, werde ich nächste Woche erfahren.

Da dieser Blog-Eintrag wieder super lang geworden ist, werde ich an dieser Stelle auch aufhören. Diesmal dominierte eher meine Erfahrung hier im Krankenhaus, aber ich werde ich kurzer Zeit noch einmal schreiben und euch berichten was ich in meiner Freizeit so erlebt habe. Ich kann nur so viel sagen, ich habe einen sehr abenteuerlichen Ausflug in Großstadt Pune hinter mir habe und das Glück auf einer traditionellen Hindu-Hochzeit, im Maharadscha-Stil, Gast gewesen zu sein. Es war wie im Märchen… und ich hatte die Gelegenheit endlich meinen Sari anzuziehen!
Leider habe ich auf Grund der schlechten Internetverbindung Probleme Fotos hochzuladen, aber ich werde versuchen nächstes Mal an einen Büro-PC zu kommen und dann ergänze ich die Fotos noch.

Namaste, eure Iweta

Sonntag, 16. Februar 2014

Hallo liebe Blog-LeserInnen,
ich bin jetzt nun seit fast einer Woche hier in Shevgaon und es hat sich nun genug angesammelt um  meinen ersten Blog-Eintrag  zu schreiben. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht wo ich eigentlich anfangen soll J Ich wurde bereits in dieser kurzen Zeit von so vielen Eindrücken „überrollt“, dass ich erst selber ein paar Tage gebraucht habe um das alles zu verarbeiten.  Seit gestern kann ich sagen: „Ich bin jetzt endlich angekommen“. Physisch ist das ja schon seit einer Woche der Fall, aber geistig hat es etwas länger gedauert.

Für diejenigen unter euch, die noch nie in Indien waren bzw. vielleicht schon mal hier waren, aber noch nie in einer ländlichen Gegend, werde ich versuchen kurz meine ersten Eindrücke und Emotionen über das Leben und die Kultur(en) niederzuschreiben. Vielleicht fange ich am besten bei der Autofahrt vom Flughafen zum Krankenhaus an.
– Jeder der schon mal hier war wird jetzt mit Sicherheit schmunzeln –

Ja,… der Verkehr in Indien… wie soll ich sagen, er ist etwas gewöhnungsbedürftig. Es ist wahnsinnig viel los und sogar die Inder selber hört man ständig sagen „Oh so much traffic today“!
Das Lustige ist, das eigentlich Alles und Jeder am Straßenverkehr teilnimmt. Ob Mensch, Tier oder etwas Fahrbares… egal! Hauptsache man kommt irgendwie von A nach B. Es ist sehr laut, alle Menschen laufen kreuz und quer über die Straße, man drängelt, überholt, hupt was das Zeug hält und aus einer Spur werden immer drei. Wenn dann noch plötzlich eine Kuh quer auf der Fahrbahn steht, bleibt einem nichts anderes übrig als den Wagen irgendwie drum herum zu manövrieren. In diesem Fall hilft dann nur noch beten J Verkehrsunfälle sind hier auch keine Seltenheit. Vor allem nachts muss man sehr aufpassen. Man hat nämlich den Eindruck, dass die Inder nicht so ganz wissen wozu ein Abblendlicht oder ein Fernlicht da sind. Die schalten sogar das Fernlicht an wenn man gerade auf sie zufährt. Man wird sehr geblendet und muss eigentlich fast stehenbleiben wenn man an einem Auto auf der Gegenspur vorbeikommt. Dementsprechend braucht man auch länger. Erst gestern Abend haben wir innerhalb von 15 min zwei Verkehrsunfälle gesehen, an denen eine Auto und ein Motorrad beteiligt waren.

Zu den visuellen Eindrücken kommen dann auch noch die olfaktorischen dazu. Wer also eine empfindliche Nase hat wird erstmal zu kämpfen haben.  Da die Straßen nicht oder nur teilweise geteert sind wird der Staub durch den Verkehr aufgewirbelt, hinzu kommt der extrem konzentrierte Gestand nach Abgasen, verbrannter Kohle und Plastik. Und dann stellt man sich am besten diese Mischung bei Temperaturen von 35 Grad im Schatten vor.  Ja, es ist zu Beginn nicht ganz angenehm und ich muss sagen, dass es mir in den ersten Tagen starke Kopfschmerzen bereitet hat. Man gewöhnt sich jedoch schnell daran.  

Wenn man jetzt mal vom Straßenverkehr an sich absieht und nach links und rechts an den Straßenrand schaut hat man als Europäer mit diversen Emotionen zu kämpfen. Anfangs beobachtet man neugierig und erstaunt das bunten Treiben, wenn man jedoch genauer hinsieht überkommt einen das Gefühl von Schock, Trauer, Mitgefühl und vielleicht sogar etwas Wut. Wut über das System, dass daran schuld ist in welchen Umständen die Menschen hier leben müssen. Die „Häuser“ sind stark heruntergekommen, die Straßen voller Müll und teilweise gibt es keine fließend Wasser oder Strom. Wenn man dann noch die süßen Zwerge in ihren bunten glitzernden Saris im Dreck spielen sieht, möchte man die Welt verändern. Man sieht plötzlich einen absoluten Kontrast zur der Welt in der man selber lebt. An dieser Stelle möchte ich auch nicht mehr dazu sagen, da man viel mehr über die Kultur und das Land wissen muss als das was man mit dem bloßen Auge sieht. Klar ist, dass hier irgendetwas schief läuft wenn man in der heutigen Zeit nicht mal ein richtiges Dach über den Kopf hat und sein Leben ohne Strom meistern muss. Das hat nichts mit der Kultur zu tun. Diesen  Aspekt kann man sicherlich objektiv diskutieren. Alles andere muss man selbst miterlebt haben. Wobei das alles viel komplizierter ist als man denkt. Man kann auch nicht nur über eine Kultur sprechen. Genaugenommen sind es mehrere Kulturen, Religionen, Weltanschauungen die, die Menschen hier zelebrieren und ausleben. Ich belasse es bei einer wertfreien Beschreibung und überlasse die Meinungsbildung meinen Lesern. Ich kenne einige Inder, die schon mehrmals in Deutschland waren bzw. einige Jahre bei uns gelebt haben und keiner davon möchte bei uns bleiben.

Dieses Land birgt auch sehr viele schöne Dinge um die ich sie auf jeden Fall beneide. In erster Linie, die wunderschönen Saris J Es ist ein absoluter Traum zum Sari-Shoppen zu gehen. Man ist umgeben von deckenhohen Regalen voller ausgefallener Stoffe in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann. Es glitzert und funkelt aus jeder Ecke und ein Stoff ist schöner als der andere. Beim Betreten des Geschäftes muss man die Schuhe ausziehen und läuft dann auf einem mit dünnen und weichen Materatzen ausgelegtem Boden. Dann nimmt man gemütlich im Schneidersitz Platz und lässt sich die Prachtstücke präsentieren. In dieser Situation ist es schon empfehlenswert eine einheimische Dame dabei zu haben, die einem dann erklärt, dass es auch bei Saris ein System gibt und hier auch zwischen festlich und casual, oder wie sagen die Inder so schön „all day use“, unterschieden wird.
 Man sucht sich einen Stoff aus und dann wird Maß genommen. Denn so ein Sari kommt nicht von der Stange,… nein… der wird extra genäht! Der Traum einer jeden Frau J
Wie diese dann live aussehen, zeige ich euch dann bei Gelegenheit. Ich bin mir jedefalls  sicher, dass zu meinen 2 Saris noch welche dazukommen werden.   

Als nächstes haben die Inder eine tolle Landschaft. Überall stehen Palmen und wachsen bunte Blumenstöcke. Einfach herrlich. Erst gestern habe ich auf der Autofahrt Reisfelder, Mangobäume, Bananenbäumchen und Plantagen mit Zuckerrohr gesehen. Ahja, da waren noch Baumwollpflanzen… die sehen echt lustig aus. Wie so kleine Büsche an denen Wattebäusche dranhängen.
… und das indische Essen erst J
aber diese Erfahrungen schildere ich euch beim nächsten Mal.

Vielleicht noch paar Worte zum Krankenhaus-Kloster-Komplex selbst, damit ihr wisst wie es hier so aussieht.
Wie einige von euch ja bereits wissen, ist dieses Krankenhaus an ein Kloster angeschlossen und  dieses ist  auch für die nächsten zwei Monate mein Zuhause. Ich habe hier ein schönes und sauberes Zimmer mit eigenem Bad und  mit allen Möbeln die man so braucht. Das Kloster an sich ist mittelgroß, besitzt einige Aufenthaltsräume, eine Küche, eine Kapelle und die Schlafzimmer der Klosterschwestern.  Das Interessante an der Architektur ist, dass es eigentlich keine geschlossenen Gänge gibt. Es gibt einen Innenhof mit wunderschönen Blumen und drum herum erstreckt sich das Gebäude des Klosters. Die Rundgänge sind um diesen Hof angeordnet und im 1. Stock läuft man quasi wie auf einer Galerie. Vielleicht kann man dies auf den Fotos erkennen.
Wenn man das Klostergebäude verlässt, findet man das Krankenhaus, eine Schwesternschule (in der die Schülerinnen auch untergebracht sind)  und eine Übernachtungsmöglichkeit für die Ärzte, die Bereitschaftsdienst haben. Das Gelände an sich ist bepflanzt mit Palmen und diversen exotischen Blumen. Es gibt sogar einen kleinen Gemüsegarten indem die Schwester Chili, Knoblauch etc. selbst anbauen.
Hier sieht man den Innenhof des Klosters mit seinen exotischen Pflanzen
und auch die offenen Gaenge, die ich bereits beschrieben habe.

 
Mein Zimmer (links in der Ecke befindet sich das Bad)

Das Krankenhaus an sich bietet momentan die Möglichkeit 115 Patienten stationär aufzunehmen. Generell gibt es hier 4 Stationen, wobei  diese nicht unbedingt nach Fachbereichen aufgeteilt sind, sondern nach Geschlechtern (female ward / male ward). Bei den female wards wird nochmal unterteilt in surgical ward (Chirurgische Station) und delivery ward (Entbindungsstation). Auf der male ward liegen sowohl postoperative Patienten als auch Patienten mit abdominellen Beschwerden,  Infektionen, aber auch Vergiftungen und Schlangenbisse. Man muss dazu sagen, dass diese Krankheitsbilder hier auch den größten Teil der Patienten betreffen.  Für Patienten die etwas mehr Geld haben besteht die Möglichkeit auf einer private ward (Privatstation) untergebracht zu werden. Diese Station ist jedoch optional und ist nicht automatisch an eine Kaste oder an den finanziellen Status des Patienten gekoppelt. Wodurch hier nicht das Gefühl einer 2-Klassen-Medizin entsteht. Der  Patient entscheidet sich gezielt dafür.
 Desweiteren besitzt das Krankenhaus eine sehr gut ausgestattete ICU (Intensive Care Unit) mit 4 Betten, eine Notaufnahme,  einen speziellen Raum für die Neonatalogie (Frühgeburtstation),  einen Entbindungsraum, eine Ambulanz mit mehreren Fachabteilungen (v.a. Gynäkologie, Kardiologie, Chirurgie), zwei Apotheken, ein  Labor, einen Raum für bildgebende Verfahren wie z.B. Röntgen, zwei OP-Räume und natürlich eine Anmeldung und Verwaltungsräume.

Innenhof des Krankenhauses indem die Patienten mit ihren Angehoerigen sitzen.

Das Wartezimmer und Anmeldung der Ambulanz.

Eine der zwei Apotheken. Hier  her kommen die Patienten
aus der Ambulanz mit ihrem Rezept.

Auf diesem Foto sieht man das aktuelle Labor und einen Teil des Teams.

Abteilung Physiotherapie

Entbindungssaal

Das ist das neue digitale Roentgengeraet.
 

Ich würde gerne etwas mehr über den Alltag im Krankenhaus erzählen, leider war ich bis jetzt nur einen Tag auf Station, da ich mich selbst erkältet habe und mich erstmal auskurieren musste bevor ich mein Immunsystem weiter diversen Infektionskrankheiten aussetze. Deshalb werde ich diesen Teil für meinen nächsten Blog-Eintrag aufheben.

Wie ich sehe, habe ich es tatsächlich geschafft so viel zu schreiben J Ich hätte eigentlich noch so viel zu erzählen…beim nächsten Mal dann J

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Sonntag!

Namaste,
eure Iweta