Freitag, 28. Februar 2014

Erlebnisse im Krankenhaus

Hallo liebe Blog-LeserInnen,

seit meinem letzten Blog-Eintrag sind nun fast 2 Wochen vergangen und es ist wieder eine Menge passiert. Da ich letztes Mal noch nicht so viel zum Krankenhaus-Alltag berichten konnte, fange ich jetzt am besten gleich damit an.
Mein erster Einsatz ist auf der chirurgischen Station (surgical ward). An sich sieht der Alltag so ähnlich aus wie bei uns. Der Tag beginnt um 8.30 Uhr mit der Visite auf Station, dann folgen die Operationen bis ungefähr um 11 Uhr und danach kommen die Patienten in die chirurgische Ambulanz. Zwischen 13 Uhr und 15.30 Uhr ist Mittagspause und um 18 Uhr ist dann Feierabend. Wahrscheinlich denkt ihr euch jetzt „oh ist ja gar nicht so stressig“ und da habt ihr an sich auch recht, aber das hängt auch von der Station ab. In der Gynäkologie gibt es sehr viel zu tun und die Babys kommen auch mitten in der Nacht. Aber an sich ist es in der Tat sehr entspannt. Wobei das nicht nur im Krankenhaus so ist. Die Inder sind generell ziemlich ruhig und gelassen, auch im Straßenverkehr.  Man nutzt jede Gelegenheit um irgendwo in Ruhe einen Tee oder Kaffee zu trinken und da lassen die sich auch nicht stressen. Am Anfang habe ich das schon als sehr langweilig empfunden, weil ich aus Deutschland einen ganz anderen Rhythmus gewohnt bin und da selten Zeit zum Teetrinken bleibt. Ich war auch stets immer pünktlich wenn man mir eine Uhrzeit genannt hat. Tja,… das war ein Fehler.

 Immer wenn ich kam hieß es nur „Sit Sit..“ und dann musste ständig zwischen 30-60 min auf die Ärzte warten. Mittlerweile hab ich gelernt die Situation einzuschätzen und weiß nun wann die Ärzte da sind und wann sie sich vielleicht doch entscheiden ein zweites Frühstück einzunehmen (das zweite Frühstück ist hier übrigens ganz normal).Oh, jetzt hätte ich beinahe den Mittagsschlaf vergessen. Der ist hier auch quasi „heilig“. Das ist auch immer ganz süß wenn die Schwestern merken, dass man müde ist kommt gleich die Aussage „take a rest“. Eine Angewohnheit, die ich jetzt nicht unbedingt als störend empfinde. 
Wenn man sich diesem Rhythmus anpasst dann merkt man auch mit der Zeit, dass es Vorteile hat sich weniger zu stressen. Man ist in der Tat viel leistungsfähiger und lockerer. Ich muss auch dazu sagen, dass es am Nachmittag sehr heiß wird und man sehr schnell erschöpft ist. Deshalb sind die Operationen auch immer vormittags, denn im OP gibt es keine Klimaanlage.

Nun zurück zu meiner Tätigkeit in der chirurgischen Abteilung. Anfangs war es echt schwer, weil die Patienten kein Englisch sprechen sondern nur Marati. Ich habe also kein Wort von dem verstanden was die Ärzte mit den Patienten gesprochen haben. Vor allem bei der Visite hatten die auch keine Zeit mir irgendetwas zu übersetzen. Viele Schwestern auf der Station können auch kein Englisch und da musste ich mich zunächst mit Händen und Füßen verständigen. Wenn man dann auch noch neu ist fühlt man sich schon mal ganz schnell alleingelassen und überfordert. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass die ersten Tage echt hart waren und ich mich schon gefragt habe ob es die richtige Entscheidung war herzukommen. Die Sprachbarriere ist groß und viele wollen auch einfach kein Englisch sprechen.
Am Rande möchte ich auch noch anmerken, dass es in Indien als Frau und v.a. als Ärztin nicht leicht ist. Ich habe schon das Gefühl, dass die Ärztinnen schon ordentlich die Ellenbogen ausfahren müssen. Naja und auch ich als Studentin kam in den Genuss der indischen Kultur bezüglich Mann und Frau. Nachdem ich es irgendwie geschafft habe von den männlichen Ärzten nicht mehr ignoriert zu werden, konnte ich mich mental endlich ein wenig zurücklehnen. Was nicht heißen soll, dass ich nicht ununterbrochen auf dem Prüfstand stehe. Gleich am Anfang habe ich vom Chefarzt ein schönes englisches Chirurgie-Buch bekommen, also quasi die Chirurgie-Bibel. Und bevor ich den Operationssaal betreten durfte musste ich mich am Tag vorher theoretisch auf die OP vorbereiten und während des Eingriffes Fragen dazu beantworten. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass das Buch knapp 1300 Seiten hat und wahrscheinlich in der kleinstmöglichen Schriftgröße gedruckt wurde die es gibt und Bilder sind eine Rarität. Mittlerweile wiederholen sich die OPs, aber anfangs habe ich schon knappe 4-5 Stunden am Tag gelernt. Auch wenn es echt anstrengend war und ich schon sehr angespannt war, kann ich nun sagen, dass es sich gelohnt hat. Ich habe viel gelernt und durfte bei verschiedenen OPs assistieren. Was eigentlich ein echter Luxus ist. In Deutschland stehen neben dem Operateur noch Assistenzärzte, PJler (=Medizinstudenten im Praktischen Jahr) und OP-Schwester am Tisch. Aber hier nur ich, der Operateur und eine Schwester. D.h. ich bin quasi 1. Assistent und darf auch Haken-halten, Skalpell anlegen etc. und der Chirurg ist nur für mich da und nimmt sich Zeit meine Fragen zu beantworten. Da kann man echt viel lernen.

Woran ich mich auf keinen Fall gewöhnen werde, ist die Tatsache, dass eine Krankenschwester der Anästhesist ist. Ich bete jedes Mal wenn der Patient eine Spinalanästhesie bekommt. Die Nadel zu legen ist ja das eine, aber ganz genau zu wissen welche Anästhetika wann und wieviel gegeben werden ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und sollte definitiv von einem Arzt mit entsprechender Facharztausbildung durchgeführt werden. Aber es hat es sich gelohnt, dass INGEAR e.V. den Monitor für die Überwachung der Vitalfunktionen im OP finanziert hat. Denn gleichzeitig manuell den Blutdruck messen, Puls messen und die Anästhesie überwachen ist ein schwieriges Unterfangen und kann für den Patienten lebensgefährlich sein.

Dies ist einer zwei OPs und auf der linken Seite seht ihr den Monitor.
 
 
 
Assistieren bei der OP einer Hydrocele. (links: Chefarzt, rechts: OP-Schwester)
 


Hier wurde aus medizinischen Gruenden eine Beschneidung durchfuehrt.


In der Ambulanz kann ich fast jeden Patient auch klinisch untersuchen wie z.B. Herz und Lunge mit dem Stethoskop auskultieren, Brust u. Abdomen (Bauch) untersuchen, Schilddrüsen untersuchen, diverse Schwellungen und Abszesse tasten uvm. Sehr viele Patienten kommen wegen Bauchschmerzen, was dann meistens auf die Diagnose Blinddarmentzündung oder Nierensteine hinausläuft. Bei Kindern sind es häufig irgendwelche Fremdkörper im Ohr/Nase, Mandelentzündungen und bei Jungen sind es Vorhautverengungen, die dann auch operativ behoben werden müssen, sprich sie werden beschnitten. Das häufigste sind jedoch Infektionen jeglicher Art. In dem Fall kommen die Patienten mit geschwollenen Lymphknoten und dann muss man erst Detektivarbeit leisten. Hier kommen dann alle möglichen Untersuchungen zum Einsatz, aber vor allem wird hier das Labor tätig. Das Labor ist auch ein Punkt auf meiner Liste, den ich mir genauer anschauen werde. Denn hierfür bestehen von Seiten der Klinikleitung Pläne für einen Ausbau und eine Modernisierung um noch mehr Untersuchungsmöglichkeiten bieten zu können. Vor allem soll das Labor um einen pathologischen und mikrobiologischen Untersuchungsraum, mit entsprechender Ausstattung, erweitert werden.

In Anbetracht der Tatsache, dass Infektionskrankheiten bei dem Patientenklientel dominieren, wäre es mit Sicherheit sinnvoll das Spektrum zu erweitern um noch schneller und v.a. effektiver arbeiten zu können. Denn Antibiotika werden hier eingesetzt wie Wasser. Fast jeder Patient wird mit einem oder sogar mehreren Antibiotika behandelt und das immer per Infusion. Sogar die Patienten die ambulant kommen kriegen eine Infusion. Man muss sich einfach vorstellen, dass überall auf den Gängen (drinnen und draußen) die Patienten bei 35 Grad auf provisorischen Liegen ruhen und warten bis die Infusion durch ist. Das fand ich am Anfang schon sehr gewöhnungsbedürftig. Ich kann momentan noch keine Aussage dazu machen inwieweit INGEAR e.V. hier finanziell unter die Arme greifen wird. Dafür fehlt mir noch der Einblick in die Arbeit auf den anderen Stationen und im Labor. Man muss vor allem sehen, ob es nicht noch wichtigere Dinge gibt, die das Krankenhaus braucht. Wie gesagt, dafür ist es noch zu früh.
Ich werden während meines Aufenthaltes hier noch auf die andere Stationen rotieren und dann kann ich mir auch ein Bild von der Gesamtstruktur und der Arbeit hier vor Ort machen. Für weitere differentialdiagnostische Untersuchungen gibt es auch ein Röntgengerät und ein Ultraschallgerät. An mehreren Tagen in der Woche kommt dann ein Arzt ins Haus der den ganzen Tag nur für die sonographischen Untersuchungen zuständig ist. Das sind dann Patienten, die in der Ambulanz waren und hausintern zur Ultraschalluntersuchung überwiesen werden. Das geht dann auch ganz schnell. Der Arzt schreibt sofort per Hand einen Bericht, der landet in der Patientenakte und dann stellt sich der Patient nochmal beim überweisenden Arzt vor, der auch schon den Bericht in der Hand hält.

Wenn eine Untersuchung benötigt wird, die im Haus nicht gemacht werden kann, wird der Patient woanders hin überwiesen und kommt dann 2 oder 3 Tage später mit dem Bericht und entsprechenden Bildern wieder. Ich muss sagen, ich war sehr überrascht wie schnell und effektiv hier gearbeitet wird. Vor allem muss man bedenken, dass wir hier absolut auf dem Land sind und es sich oft um Patienten handelt, die für die Behandlung im Krankenhaus nicht bezahlen können. Dazu ist die Verkehrsanbindung nicht so gut und somit müssen die Patienten schon fast eine halbe Weltreise machen um die Untersuchung zu bekommen. Trotz alle dem klappt es sehr gut.

Ich hoffe ihr konntet jetzt einen kleinen Einblick in die Arbeit und Situation hier in Shevgaon bekommen. Ich bin selber gespannt was mich noch in den nächsten Wochen auf den anderen Stationen so erwartet. Einen großen Teil werde ich noch in der Gynäkologie verbringen und dann noch ein paar Tage die Schwestern bei ihrer Arbeit in den Dörfern begleiten. Das ist quasi eine Art erweiterter Hausbesuch, aber auch Hilfe für die Leute, die nicht ins KH kommen können. Wie das genau aussieht und was hinter dieser Arbeit steckt, werde ich nächste Woche erfahren.

Da dieser Blog-Eintrag wieder super lang geworden ist, werde ich an dieser Stelle auch aufhören. Diesmal dominierte eher meine Erfahrung hier im Krankenhaus, aber ich werde ich kurzer Zeit noch einmal schreiben und euch berichten was ich in meiner Freizeit so erlebt habe. Ich kann nur so viel sagen, ich habe einen sehr abenteuerlichen Ausflug in Großstadt Pune hinter mir habe und das Glück auf einer traditionellen Hindu-Hochzeit, im Maharadscha-Stil, Gast gewesen zu sein. Es war wie im Märchen… und ich hatte die Gelegenheit endlich meinen Sari anzuziehen!
Leider habe ich auf Grund der schlechten Internetverbindung Probleme Fotos hochzuladen, aber ich werde versuchen nächstes Mal an einen Büro-PC zu kommen und dann ergänze ich die Fotos noch.

Namaste, eure Iweta

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