Freitag, 21. März 2014

Village Work


Hallo liebe Blog-LeserInnen,

Seit meinem letzten Eintrag ist wieder einiges passiert an dem ich euch natürlich teilhaben lassen möchte.

Letzte Woche begleitete ich, für drei Tage, das Team vom Social Department bei ihrer Arbeit in den Dörfern (village work). Die Aufgaben der Schwestern umfassen in etwa die Arbeit eines Hausarztes aber mit Schwerpunkt Gynäkologie und Pädiatrie.
Es gibt hier in der Umgebung 45 Dörfer, die in regelmäßigen Abständen betreut werden müssen. Um dies zu gewährleisten ist das Team täglich unterwegs und schafft es ungefähr 3 Dörfer pro Tag abzuarbeiten. Die eigentlichen Aufgaben umfassen das Impfen der Kinder, die prä- und postnatale Betreuung der Mütter sowie das Testen auf HIV. Zusätzlich werden auch mal kleinere Wunden versorgt und im Bedarfsfall, Medikamente wie Paracetamol oder Hustensaft ausgeteilt. Das Ganze ist eigentlich sehr gut organisiert. Jede schwangere Frau besitzt einen Mutterpass und die Kinder einen sehr ausführlichen Impfpass in dem auch die Entwicklungsstufen des Kindes, Körpergröße und Körpergewicht dokumentiert werden. Diese Dokumente bleiben bei der Familie. Um sich aber doppelt abzusichern, müssen die Schwestern auch ihre eigene Dokumentation führen. Dementsprechend gibt es für jeden Ort ein großes Buch. Auch hier sind alle Impfungen (sogar die Nummer des Impffläschchens), Untersuchungen und Medikamente, die der Patient je gekriegt hat, genauestens notiert. Um bei so vielen Menschen und sich immer wiederholenden Namen nicht den Überblick zu verlieren, hat jeder Patient zusätzlich eine Nummer.
Generell wird die Arbeit des Social Departments vom Staat unterstützt. Das heißt, die Impfstoffe und  die regelmäßigen Untersuchungen der Schwangeren, werden teilweise aus staatlichen Mitteln finanziert. Dafür hat auch jeder Patient eine Social Card, in der alles eingetragen wird. Diese Aufgaben erfüllen  dann die Sozialarbeiter in dem jeweiligen Ort. … Soviel zur Bürokratie.

Die Schwestern vom Social Department, waren super lieb und haben mich sehr herzlich in ihr Team aufgenommen. Trotz der Tatsache, dass die meisten nur sehr wenig Englisch sprechen, haben sie sich sehr viel Mühe gegeben und mir alles erklärt. Die Dörfer in denen ich bis jetzt war, sind nicht so weit entfernt. Die längste Fahrt dauerte knapp 30 min.

An sich habe ich die Dörfer als viel schöner empfunden, als die größeren Orte. Es leben nicht so viele Menschen in einem Dorf und es ist viel sauberer als in der Stadt. Eigentlich hatte ich sogar manchmal das Gefühl, gar nicht mehr hier zu sein. Überall waren grüne Plantagen und Palmen. Der Wohnraum pro Familie ist viel größer und die Kinder haben viel mehr Möglichkeiten draußen in der Natur zu spielen. Hier in Shevgaon ist man gleich auf einer viel befahrenen Straße sobald man das Haus verlässt. 

Die Räumlichkeiten für die Arbeit des Social Departments bieten die Schulhäuser in den jeweiligen Dörfern. Wobei in den meisten Fällen das Schulhaus aus nur einem Raum besteht.
Mein erster Tag war wirklich sehr aufregend. Ich wusste ja gar nicht was mich so erwartet und wie die Leute auf mich reagieren. Für die Kinder war ich mehr oder weniger eine Attraktion J Sobald ich den Wagen verlassen habe, kamen sie schon angelaufen J Viele waren sehr mutig und neugierig, wollten wissen wie ich heiße und einfach mal schauen. Aber es gab auch viele, die sehr schüchtern und zurückhaltend waren. Ja schon fast geschockt!
Ein Mädchen (ungefähr 2 Jahre alt) saß sogar fast eine halbe Stunde mit dem Kopf nach unten geneigt neben mir und wollte mich partout nicht anschauen. Als man sie berührt oder angesprochen hat, saß sie wie versteinert da und reagierte nicht.  Ihr Kopf wanderte immer mehr in Richtung Oberschenkel  J Alle haben sich einfach nur köstlich amüsiert. Dann wurde es noch lustiger, als eine Mutter den Raum betrat, die Hand erschrocken vor den Mund nahm und plötzlich anfing zu lachen. Kurz darauf habe ich erfahren, dass momentan ein Film in den Kinos ausgestrahlt wird und ich der Hauptdarstellerin ähnlich sehe. Sie hat mich dann immer und immer wieder angeschaut und konnte gar nicht glauben, dass ich nicht die Schauspielerin bin. Sie war wirklich sehr sympathisch und wir haben noch viel zusammen gelacht.
An diesem Tag gab es für mich noch nicht so viel zu tun. Ich musste mich auch erst ein wenig einarbeiten und die Arbeitsabläufe verinnerlichen. Die Hauptarbeit in diesem Dorf war das Impfen der Kinder. Diese fanden es auch gar nicht so toll und haben viel geweint.
Am zweiten Tag fuhren wir in den Ort Indiranagar. Dieser ist nicht so weit weg von Shevgaon und auch nicht so schön wie die Anderen. Hier hatte ich die Möglichkeit das Leben der Menschen etwas näher zu erleben.
Da Sr. Sangeeta es sich zu Aufgabe gemacht hat, meine Ersatzmama zu spielen J wollte sie, dass ich so viel wie nur möglich in den Dörfern sehe und lerne – dafür bin ich ihr auch sehr dankbar. Also hat sich mich in diesem Ort rumgeführt, mir die Leute vorgestellt (die mich auch ins Haus gelassen haben) und mir generell erklärt in welchen Verhältnissen die Menschen hier Leben. Eigentlich habe ich hier im Krankenhaus bis jetzt nicht so viel davon mitbekommen. Natürlich sind die Patienten hier sehr arm und man sieht es ihnen auch an, aber ich habe es irgendwie geschafft eine gewisse Distanz aufzubauen, die es mir erlaubt all dies zu ertragen.
Als ich aber die privaten Verhältnisse und die Armut live erlebt habe, konnte ich diese Distanz nicht mehr wahren. Dieser Tag war sehr emotional für mich und ließ mich auch einige Nächte nicht richtig schlafen. Den Rest gab mir dann ein kleines Mädchen. Sie war vielleicht knapp über ein Jahr alt. Sie saß mir gegenüber und reagierte auf alles mit einem strahlenden Lächeln. Sie war so begeistert von mir, dass sie bei jedem Augenkontakt anfing lautstark zu lachen und ich die Hände klatschte. Eigentlich konnte sie sich kaum stillhalten vor Aufregung. Währenddessen wiederholte sie immer wieder auf Marathi das Wort „Schwester“. Sie war der absolute Sonnenschein. Als ich ihr die Hand reichte war es total aus. Sie stand auf und klatschte immer wieder ihre kleine Hand in meine und dann beide - sie war so glücklich darüber.
Als ich sie dann genauer betrachtete, sah ich wie schmutzig sie war. Ihr kleines Kleidchen hat überall Löcher und wurde bestimmt länger nicht mehr gewaschen. Sie wurde in solche Verhältnisse hineingeboren und weiß nicht was für ein Leben sie in Zukunft erwartet. Das einzige was ihr bleibt, ist sich über die einfachen Dinge zu freuen.

Die medizinische Versorgung, die das Social Department bieten kann ist nur ein Minimum dessen, was ein Mensch verdient. Aber  ohne das Social Department wäre nicht mal dieses Minimum gewährleistet. Sie wird ihre Impfungen bekommen und einen Hustensaft wenn sie erkältet ist - aber was kommt danach? Das was sie jetzt hat, sind ihre natürlichen menschlichen Instinkte. Sie lacht und freut sich über ein Lächeln, über eine Geste…nicht zu wissen, dass die Zukunftsperspektiven schlecht sind!
Trotz alle dem, habe ich niemanden in dem Dorf gesehen, der schlecht drauf war oder sogar depressiv. Stattdessen viele lachende Gesichter. Die Leute hätten hier allen Grund schlecht drauf zu sein und trotzdem managen sie ihre Lebenslage und machen das Beste draus. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es auch genügend Menschen gibt, die Existenzängste haben. Die Angst haben ihre Familie nicht mehr ernähren zu können. Sie arbeiten hart und versuchen eine Lösung zu finden, aber wenn es die nicht gibt, dann versuchen sich Viele das Leben zu nehmen. Nicht selten sehe ich solche Fälle im Krankenhaus. Vergiftungen und Verbrennungen aus suizidaler Absicht sind hier an der Tagesordnung.
 Ein weiteres emotionales Erlebnis an diesem Tag war meine erste gynäkologische Untersuchung. Diese Untersuchung wird bei allen Schwangeren in regelmäßigen Abständen durchgeführt und heißt ANC (Antenatal Control = vorgeburtliche Kontrolle). Hierbei wird der Blutdruck gemessen, der Urin auf Proteine und Glucose untersucht, ein HIV-Schnelltest durchgeführt und der Bauch palpiert. Bei der Palpation des Bauches kann man den Schwangerschaftsmonat und die Lage des Kindes bestimmen.
Hochmotiviert hat Sr. Sangeeta meine Hände genommen, sie auf den Bauch der Schwangeren gelegt und mir erklärt was ich genau spüren muss, um zu wissen, ob es nun der Rücken oder ein kleiner Fuß/kleine Hand ist. Mit dem Stethoskop konnte ich dann auch den Herzschlag hören. Es war wirklich ein wahnsinnig schöner Augenblick dieses kleine Lebewesen im Bauch zu spüren. Ich habe gelernt wie man mit nur wenig Mitteln sehr gut klinisch diagnostizieren kann ohne gleich eine Ultraschalluntersuchung machen zu müssen. Natürlich werden die Mütter auch zur Untersuchung ins Krankenhaus geschickt, aber zwischendurch muss man auch ohne moderne Diagnostik auskommen.

Den dritten Tag der Dorfarbeit verbrachten wir in Bhavi Nimgaon. Gleich in den ersten Minuten vor Ort bekamen wir Besuch… von einem Affen J Das war schon echt ein Erlebnis. Eigentlich hatten wir ihn auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser entdeckt. Plötzlich hatte er es sich wohl anders überlegt und kam verdammt schnell auf unsere Straßenseite. So schnell konnte ich gar nicht schauen, da saß er schon ca. 1 m von mir entfernt auf dem Boden. Die Kinder auf dem Schulhof brachen in Panik aus und liefen in alle Himmelsrichtungen. Auch um mich herum bildete sich eine Traube aufgeregter Kinder, sodass ich mich keinen Millimeter bewegen konnte. Zuerst war ich total erstaunt und überrascht, aber diese Gefühle lösten sich allmählich in Luft auf und wurden von Angst verdrängt. Das war wirklich ein riesen Tier. Der war gut über einen 1 m groß im Sitzen und sah nicht gerade so aus als wollte er kuscheln. Zum Glück schaute er sich nur kurz um und sprang dann blitzschnell auf das Dach des Schulgebäudes. Ich hätte wirklich gerne ein Foto gemacht, aber das Ganze ereignete sich binnen 10 sec.
Da ich ja am Tag zuvor sehr emotional berührt und geschockt war von den Lebensverhältnissen, hatte ich beschlossen für die Kinder Obst zu kaufen, damit sie wenigstens ein paar Vitamine zu sich nahmen.
Also habe ich auf dem Weg ins Dorf einige Kilo Trauben gekauft. Eigentlich habe ich nicht gewusst, dass wir uns diesmal auf dem Gelände einer sehr großen Schule (etwa 5 Klassen) befinden und ich hier nicht nur die Kinder vom Dorf kalkulieren muss. Auf jeden Fall habe ich das Obst so aufgeteilt, das ein Teil für die Kinder bestimmt war die mit den Müttern zum Impfen kamen und den Rest habe ich in der Schule verteilt. Der Schuldirektor war sehr freundlich und meinte ich solle doch nach der Pause einfach in die Klassen gehen und es dort verteilen. Das hab ich dann auch gemacht J Beim betreten des Klassenräume war ich total überrascht wie diszipliniert und brav die Kinder waren. Sobald die Lehrerin den Raum betrat war es mucksmäuschenstill und die Kinder sprangen auf, um sie mit einem lautstarken „Good morning Madam“ zu begrüßen. Auch als ich die Trauben verteilte kam von jedem Kind ein „Thank you Madam“ J Das war echt total süß!

Mamis, die mit ihren Kindern zum Impfen kommen
Als Dankeschön standen dann alle Kinder auf und haben für mich gesungen und getanzt. Leider hatte ich meine Kamera nicht dabei, sonst hätte ich es aufgenommen L
In diesen Kisten befinden sich alle Medikamente und
Impfstoffe.
Nachdem wir mit unserer Arbeit fertig waren, nahm mich Sr. Sangeeta mit in den Ort um mir einen Hindu-Tempel zu zeigen, von dem sie schon am Tag zuvor so geschwärmt hatte. Ich habe mich sehr geschmeichelt gefühlt, dass sie mir so viel Einblick in ihre Religion ermöglicht hat. In dem Tempel waren überall Blumen, Kerzen und Kokosnussschalen zur Dekoration und es duftete nach Räucherstäbchen. Nachdem sie kurz gebetet hat, griff sie nach einem kleinen Säckchen mit gefärbtem Pulver und bestand darauf mir einen Punkt auf die Stirn zu machen. Dies ist ein Zeichen für die Hindus, dass man im Tempel waren um zu Beten. Ich wusste erst nicht ob die Leute, dies als respektlos erachten wenn sie mich damit sehen, aber sie meinte dies wäre überhaupt kein Problem.
Es war ein wirklich sehr schöner und abenteuerlicher Tag.

Tempel in Bhavi Nimgao
 
Eintrittstor und Hof vor dem Tempel
(In diesem Torbogen muss man auch schon die Schuhe ausziehen)
 
 
Eingang zum Tempel
 
 
Nach dem Beten bekommt man diesen Punkt auf die Stirn.
 
 
 
 
Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich eine ganz tolle Zeit hatte und froh bin dabei gewesen sein zu dürfen. Ich habe einen ganz anderen Einblick in das Leben der Menschen bekommen und dafür bin ich sehr dankbar.

Abgesehen von meinen persönlichen und medizinischen Erfahrungen, die ich hier sammeln darf, habe ich für diese 2 Monate auch die Aufgabe der Projektbetreuung hier vor Ort. Wie der momentane Stand der Dinge ist und wie sich INGEAR e.V. hier in Zukunft einbringen wird, möchte ich euch noch kurz berichten.

Wie ich ja schon in meinem ersten Eintrag erwähnt habe, soll das Krankenhausgebäude erweitert werden, um mehr Räumlichkeiten für das Labor zu schaffen.  Da INGEAR e.V. dieses Vorhaben finanziell unterstützen möchte, hat die Klinikleitung am Wochenende den Architekten eingeladen, um gemeinsam die Baupläne und Kostenvoranschläge zu besprechen. Zusammen haben wir dann die einzelnen Posten aufgelistet und die Kosten kalkuliert.

Ich habe natürlich auch schon im Vorfeld das Labor besichtigt und mir einen Bild von der momentanen Situation und den Arbeitsabläufen gemacht. Das aktuelle Labor besteht aus einem Raum (geschätzte 25-30 qm) in dem alle Untersuchungen gemacht werden (Hämatologie, Biochemie, …). In diesem Raum halten sich die Mitarbeiter und die Patienten (plus Angehörige) auf. Überall stehen Behälter mit Urin, Sputum, Blutproben und die Chemikalien für die jeweiligen Untersuchungen. Wie ihr euch mit Sicherheit vorstellen könnt sind dies keine optimalen und v.a. sicheren Arbeitsbedingungen. Da das Krankenhaus hier in der Umgebung das Einzige ist, das auch arme Patienten behandelt, die finanziell keine Möglichkeit haben für medizinische Leistungen zu bezahlen, steigen die Zahlen an Untersuchungen kontinuierlich an. Die Kapazitäten des Labors sind mittlerweile ausgeschöpft. Eine Erweiterung ist diesbezüglich bitternötig.     

Nach Absprache mit der Projektleitung und den Vorsitzenden haben wir uns auf Folgendes geeinigt:
INGEAR e.V. wird auf jeden Fall einen Teil der Baumaterialkosten tragen und versuchen somit  die Verwirklichung des neuen Labors zu unterstützen. Falls es nötig sein wird das Laborinventar in Zukunft aufzustocken, werden wir auch hier eine Lösung finden. Wie es mit dem Bauvorhaben weitergeht werden wir euch natürlich in regelmäßigen Abständen berichten.
Ich hoffe, dass ich auch die Möglichkeit haben werde hierher zurück zu kehren, um den fertigen Neubau zu besichtigen.   

Die letzten zwei Wochen meines Aufenthaltes werde ich in der Gynäkologie/Entbindungsstation.
Ich bin schon sehr gespannt was mich da erwartet. Vor allem freue ich mich auf den Entbindungssaal, da ich noch nie bei einer Entbindung dabei sein durfte J  

Bis dahin verabschiede ich mich für die nächsten Tage und werde nächstes Mal über meine Erfahrungen auf der neuen Station berichten.

Namaste,
eure Iweta

 

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