Samstag, 8. März 2014

Hindu-Hochzeit

Hallo liebe Blog-LeserInnen,

wie versprochen berichte ich nun in einem weiteren Blog-Eintrag über meine Erlebnisse hier in Indien und versuche euch einen kleinen Einblick in die Kultur und das Land zu verschaffen. Das wohl bisher spannendste und schönste was ich erlebt habe, war eine original Hindu-Hochzeit im traditionellen Maharadscha-Stil. Ich hatte wirklich Glück als mich Sr. Hilda (das ist die Klinikleitung) gefragt hat, ob ich Lust hätte Sie am Wochenende auf eine Hochzeit zu begleiten. Eigentlich habe ich gar nicht nachgefragt, ob es sich um eine christliche oder nicht-christliche Hochzeit handelt. Da ich hier in einem katholischen Kloster bin, ging ich im ersten Moment von einer christlichen Hochzeit aus.

Der christliche Glaube wird hier sowieso anders ausgelebt als bei uns. Gerade deshalb war es schon spannend genug für mich Teil der Hochzeitsgesellschaft zu sein und zu sehen welche indischen Traditionen die klassische christliche Zeremonie prägen. Wie sich später jedoch herausgestellt hat, war es eine Hindu-Hochzeit. Was die ganze Sache noch aufregender gemacht hat.

Da ich ja gerade Unterschiede im christlichen Glauben erwähnt habe, möchte ich kurz näher darauf eingehen. Es gibt eine Sache, die mich total überrascht hat, und zwar der Baustil der Kirchen. Wenn man also eine Kirche sehen möchte und nach historischen Gebäuden z.B. im Barock- oder Gotik-Stil sucht und dann auch noch prunkvoll geschmückte und mit Gold verzierte Altäre Ausschau hält, wird man enttäuscht. Solche Kirchen wie wir sie kennen, die dem Regensburger Dom oder dem Vatikan ähneln gibt es hier einfach nicht. Ich persönlich empfinde beim Betreten einer Kirche immer etwas Besonderes. Ich bin fasziniert von der wunderschönen Architektur, den riesengroßen heiligen Hallen in denen man sowohl von prächtigen Fresken und Skulpturen als auch der ganzen Historie umgeben ist. Wer schon mal in Rom war und einen Caravaggio oder eine der vielen unbeschreiblich schönen Skulpturen von Bernini & Co. gesehen hat, weiß wie viele Stunden man in einer Kirche verbringen kann.
So und dann kam in der Tat der erste (und hoffentlich letzte  ) Kulturschock!

Ich hatte gleich am Anfang meines Aufenthaltes die Gelegenheit auf ein Kirchenfest zu fahren. Die Kirche, die ich nun beschreiben werde heißt „Infant Jesus“. Mein erster Gedanke war,… Oh wie in Las Vegas! Jeder von euch stellt sich jetzt wahrscheinlich bunte Lichter, Leuchtreklamen, Musik und Casinos vor!? Wenn wir nun die Casinos weglassen, dann entspricht es dem Erscheinungsbild dieser Kirche. Die Fassade ist pink. Das ganze Gebäude, ob innen oder außen, war mit Girlanden, Lichterketten und ganz vielen bunten Blumen geschmückt. Vor dem eigentlichen Kirchengebäude, war eine offene Kapelle, die aussieht, wie ein nicht ganz so geschickt lackierter „Spielzeughügel“ aus Plastik. Wenn man nun oben angekommen ist, findet man eine Plastikfigur in einem Glaskasten, die Infant Jesus darstellen soll. Auch hier wieder, Werbebeleuchtung und Girlanden. Dieser Hügel steht auf einem blau lackierten Boden und davor befinden sich Palmen. Wenn man also nicht so genau hinschaut, könnte man denken es handelt sich um eine Kapelle mit Pool und Palmen davor.









Das ist die Statue von Infant Jesus draussen in der
Kapelle.







Das ist die Statue von Maria (auch in der Kapelle).




Das ist die beschriebene Kapelle mit den Palmen aussen rum.











 In der Kirche drin.






Wer schon mal in Indien war, der kennt bestimmt die Tatsache, dass die Inder gern mit Farbe arbeiten. Je bunter und auffälliger, desto besser. Deshalb hat man oft den Eindruck sich in einer Spielzeugwelt zu befinden

Jedoch, habe ich mir sagen lassen, dass es im Bundesstaat Kerela (das ist ganz im Süden Indiens), ganz anders sein soll als im Rest des Landes. Es gibt dort auch viele historische Kirchen. Kerela ist angeblich generell etwas Besonderes.
Leider werde ich es bei diesem Aufenthalt nicht schaffen den Süden zu bewundern, aber eins steht fest… das ist zwar mein erster, aber definitiv nicht letzter Besuch in Indien. Der Gottesdienst ist vom Ablauf her wie bei uns, dennoch ist die musikalische Darbietung deutlich ansprechender. Man hat das Gefühl auf einer Party zu sein. Die Musik ist sehr rhythmisch und fröhlich. Trommeln und Rasseln kommen zum Einsatz und die Leute sind mit Leib und Seele dabei.

So, nun komme ich zum eigentlichen Ereignis – der Hindu-Hochzeit!

Eigentlich kann man sagen, es war wie im Märchen. Schon kurz vor der Abfahrt hatte ich mein persönliches kleines Highlight des Tages – das Anziehen meines ersten Saris  Da der Stoff für den Sari gefühlte 100m lang ist, brauchte ich definitiv Hilfe. Das war dann auch echt süß als plötzlich die Schwestern in meinem Zimmer standen und jeder sehen wollte wie es aussieht. Ich kam mir vor als wäre es meine Hochzeit. Ich stand regungslos da, mit den Armen nach oben und 2 Schwestern zupften an mir rum, falteten geschickt den Stoff in viele verschiedene Richtungen, hier und da eine Sicherheitsnadel und dann kam in ihnen der Perfektionismus durch. Die Falten haben beim Sari nämlich keine Eigenleben. Sie werden kunstvoll hin drapiert und dann müssen sie auch so bleiben. Sogar beim Gehen kam immer wieder eine Schwester, die eine Falte entdeckte, die aus der Reihe tanzte. Nach einem kurzen Wie-Trage-Ich-Meinen-Sari-Crashkurs, ging es dann endlich los. Eine dreistündige Autofahrt lag vor uns.

 
Die Feier an sich fand in Aurangabad in einem Hotel/Veranstaltungshaus statt. Das war wirklich super schick, mit wunderschönen Fließen, prächtig geschmückt, sauber und mit viel Liebe zum Detail. Schon gleich beim Aussteigen aus dem Auto, wurde man von Trommeln und Trompeten begrüßt. Die Leute tanzten um den Bräutigam herum und riefen irgendetwas auf Marati. Alle Autos waren mit Blumen geschmückt und ein roter Teppich auf dem Boden wies uns den Weg zur eigentlichen Veranstaltung. Gleich am Eingang stand eine große Statue von Lord Ganesha (ein Gott aus dem Hinduismus, der immer zum Einsatz kommt wenn etwas Neues beginnt. Wie z.B. ein neuer Lebensabschnitt nach der Eheschließung, oder ein neues Haus etc.). Der Vater des Bräutigams stand schon am Eingang um uns zu begrüßen. Diesbezüglich muss ich auch ergänzen, dass sich im Hinduismus Mann und Frau nie berühren, d.h. man gibt sich nicht die Hand zur Begrüßung. Zwischen zwei Frauen ist das kein Problem, aber zwischen Mann und Frau kommt es nicht vor. Stattdessen nimmt man beide Hände zusammen wie zum Beten, hält sie auf Brusthöhe und verneigt sich respektvoll voreinander. Wenn man das direkt als Teil dieser Kultur und live miterlebt, hat es schon etwas sehr Spirituelles. Die ersten Versuche wirken meist sehr angespannt und zeitlich unkoordiniert mit dem Gegenüber, aber mit der Zeit wird diese Bewegung sehr weich und langsam. Eine sehr schöne Geste.

Dies war der Eingang zum Gebaeude mit der
Statue von Lord Ganesha im Eingangsbereich.
 
 Als wir dann, das Gebäude betreten haben war im Erdgeschoss alles für die Beköstigung der Gäste hergerichtet und im 1. Stock fand die Hochzeitszeremonie statt. Auch hier folgte man wieder einem roten Teppich. Das Treppensteigen war auch die erste Herausforderung für das Tragen meines Saris  Ich stelle mich an als hätte ich an Ballkleid an und müsste beidseitig das Kleid heben um nicht zu stolpern. Naja, das konnte Sr. Hilda nicht wirklich lange mit ansehen und zeigte mir gleich die passende Grifftechnik. Und siehe da, ... es reicht ein kurzer Griff mit der linken Hand und schon kann man ganz elegant mit einem Saris Treppensteigen. Oben angekommen, wurde ich erst mal von tausenden von Eindrücken überrollt. Die Frauen trugen ihre schönsten Saris, Blumen im Haar und die goldenen Ketten und Armbänder glitzerten und funkelten um die Wette. Es war so unwahrscheinlich bunt. Der ganze Saal war mit den schönsten Blumen geschmückt. Wobei ich sagen muss, dass dies auch so eine schöne Eigenschaft der Inder ist, alles mit Blumen zu schmücken. Auch im Krankenhaus stehen auf jedem Tisch frische Blumen, die den Raum mit Farbe und Duft ausfüllen. Die Zeremonie selbst fand auf einer Bühne statt. Diese war natürlich auch reich geschmückt. Neben der Bühne saßen die Mitglieder der „Band“, die nicht nur für die Musik sondern auch für die Gebete zuständig war. Bevor der Bräutigam den Saal betritt, fängt die Band an, auf musikalische Art und Weise (übrigens wieder mit Trommeln, Rasseln etc.), zu den einzelnen Göttern der Hinduismus zu beten.

Kurzer Abstecher in den Hinduismus:
 Im Hinduismus gibt es einen Ur-Gott, Vishnu, er ist der Erhalter des Universums und der Ursprung aller Dinge. Laut der Hindu-Mythologie hat sich Vishnu neun Mal auf der Erde inkarniert, d.h. er ist neun Mal in verschiedenen Formen auf die Welt gekommen. Diese Inkarnationen (=Avatar) sind Matsya (Fisch), Kurma (Schildkröte), Varaha (Eber), Narasinha (Löwenmensch), Vamana (Zwerg), Parashurama („Rama mit der Axt“), Krisha und Buddha. Vishnu ist quasi der universelle Gott und alle anderen Götter sind aus ihm entstanden. Auf Grund dieser Göttervielfalt ist auch diese Religion so facettenreich und kaum in ein paar Sätzen zu beschreiben. Es gibt auch nicht nur eine Bibel, sondern eine ganze Bibliothek von heiligen Schriften mit unterschiedlichen Inhalten und Aussagen. Dies erklärt auch, warum die Religion so unterschiedlich ausgeübt wird. Es ist üblich, dass man an einen Gott glaubt und je nach Lebenssituation auch zu einem anderen Gott betet. Denn jeder Gottheit werden unterschiedliche Eigenschaft zugesprochen. Auch die Hindu-Tempel sind immer einer Gottheit geweiht und Grund für lange Pilgerfahrten der Hindus. Das Interessante ist auch, dass es im Hinduismus viele Methoden gibt, sich dem göttlichen zu nähern wie z.B. verschiedene Arten von Meditation, Köper- und Atemübungen. Diese werden bei uns unter dem Oberbegriff „Yoga“ zusammengefasst. Der Sinn besteht darin das Göttliche im Menschen zu wecken und aus dem Kreis der lehrreichen Wiedergeburten erlöst zu werden. Die Wiedergeburt ist das wichtigste Prinzip des Hinduismus.

Wenn wir das Wissen nun in die Hochzeitszeremonie einbauen, wird es etwas verständlicher. Denn in diesem Fall wird jeder Gottheit ein Gebet gewidmet. Während dieser Gebete kam dann der Bräutigam, begleitet von Musikern mit speziellen Maharadscha-Trompeten und Pauken. Eine weitere Person hielt über ihm einen wunderschönen orange-roten Sonnenschirm aus Stoff. Die ganze Gruppe betrat dann mit dem Bräutigam die Bühne und spielte so lange weiter bis auch die Braut den Raum betrat und zu ihrem zukünftigen Mann begleitet wurde. Die Braut trägt einen aubergine-farbenen Sari und passend dazu einen sehr aufwendigen Schleier, der unter anderem auch an ihren Ohrringen und dem Nasenpiercing befästigt ist. Die meisten Hindu-Frauen haben ein Piercing am linken Nasenflügel und tragen dort auch sehr ausgefallenen Schmuck. Auch Ohrringe, Ketten und bunte Armreifen gehören zum Alltag. Wichtig ist auch noch, die Markierung auf der Stirn mit einem roten Punkt und die Mehndi Bemalung der kompletten Unterarme und Hände incl. der Handflächen.

Der wartende Braeutigam
Weiter zur Zeremonie,…die beiden standen sich dann auf dieser Bühne gegenüber und so ähnlich wie bei „Herzblatt“, wird ein weißes Tuch mit einem roten Hakenkreuz zwischen ihnen gespannt, so dass sie sich nicht mehr sehen können.

Das Hakenkreuz oder auch Swastika genannt, ist übrigens ein altes Glückssymbol im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus, das oft an Tempeln oder Hauswänden zu sehen ist. Es war in vielen alten Kulturen Asiens und Europas als Symbol verbreitet, wahrscheinlich am frühesten in Indien. Es hat hier keinerlei politische Bedeutung.

Hier stehen sich die beiden gegenueber mit dem Tuch dazwischen.
Dann folgten viele Segnungssprüche und Zeremonien. Leider konnte man nicht so viel sehen, da sich eine große Menschentraube um das Paar geschart hat. Zwischendurch (bei einer bestimmten musikalischen Aufforderung der Band) schmeißt man dann gefärbten Reis nach vorne. Ich hab nicht mitgezählt, aber es war schon 6-8 Mal. Diesen Reis bekommt man ganz am Anfang in so kleinen selbstgemachten Stoffsäckchen, die aus dem gleichen Stoff sind wie die hinduistische Kopfbedeckung, die die Männer bei dieser Hochzeit trugen. Dann legte der Bräutigam der Braut eine spezielle Kette um den Hals, die symbolisch für die Eheschließung steht und eigentlich nicht mehr abgenommen werden sollte. Das kann man mit unseren Eheringen vergleichen. Typische Kennzeichen einer verheirateten Hindu-Frau sind also die Kette, der rote Punkt auf der Stirn und sehr häufig auch ein kleiner Ring an einer Zehe.

 Nach der Hochzeit stellten wir uns in einer langen Schlange an um dem Paar persönlich zu gratulieren. Eigentlich waren wir schon wieder auf dem Weg nach unten, als uns der Vater des Bräutigams abfing und darauf bestand noch ein Foto mit dem Paar und der Familie zu schießen. Also wieder zurück auf die Bühne, die man an diesem Tag in der Tat als Bühne bezeichnen konnte. Denn in so viele Kameras schauen normalerweise nur Angelina Jolie & Co. Es war wirklich der Wahnsinn wie viel professionelles Personal engagiert worden waren um diesen Tag in Form von Fotos und Filmen fest zu halten. Überall stand auch spezielles Equipment für Beleuchtung etc.

Das glueckliche Ehepaar :)
Danach ging es zum Essen. Auch hier nicht das gewohnte Büffet oder Menüwahl,.. nein… man setzt sich hin, bekommt einen Teller und dann laufen Kellner mit Schüssel und anderen Behältnissen mit Essen rum und servieren direkt am Tisch. Das sah wirklich sehr schön aus, denn die Kellner waren alle traditionell angezogen (roten Kopfbedeckung) und balancierten die silber- und kupferfarbenen Behälter in ihren Händen. Das war auch das erste Mal, dass ich mit der Hand essen musste. Ich weiß noch ganz genau wie Sr. Hilda gelacht und gesagt hat: „Today you have to manage to eat with your hand“! Kein Problem! Wenn man sich das Chapati (=pfannkuchenartiges indisches Brot) zur Hilfe nimmt und die Inder schon mal beim Essen beobachtet hat, stellt man sich gar nicht so doof an. Das Problem war eher, das Essen mit einer Hand – und zwar mit der Rechten. Die Linke ist ja die unreine Hand und muss die ganze Zeit unter dem Tisch verweilen. Eigentlich nicht so schlimm, nur das reißen von dem Chapati ist mit einer Hand nicht so leicht  Ich hab’s trotzdem geschafft. Danach ging es eigentlich wieder in Richtung Shevgaon. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, „und was ist mit der Party“? Naja, …die gab es nicht! Es ist wohl nicht so üblich auf einer Hindu-Hochzeit zu tanzen. Aber genau so vielfältig wie die Religion ist, sind auch die Bräuche und Zeremonien der Hochzeiten. Es gibt Regionen in den getanzt wird und genauso kann es sein, dass die Festlichkeiten einen oder mehrere Tage dauern. Hier war es nur ein Tag und kein Tanz.

Beim Essen
Auch wenn es nicht ganz so lange gedauert hat wie ich gedacht habe, war es ein unvergessliches Abendteuer und ich bin sehr dankbar dabei gewesen sein zu dürfen. Wie ich beim zweiten Durchlesen merke, ist es wieder ein ganzer Roman geworden  …. Eigentlich ist es nur die Kurzfassung! Ich hoffe, dass ich euch die indische Kultur ein kleines Stückchen näher bringen konnte. Auch wenn es sicherlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Leider bin ich schon seit einer Woche krank und kann euch noch nicht so schnell über die Dorfarbeit berichten. Ich hoffe, dass es mir am Montag wieder gut geht und somit neue Aufgaben auf mich zukommen 

Ganz liebe Grüße aus Indien,

Eure Iweta




 

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