Freitag, 28. Dezember 2012

Hallo zusammen,

meine Arbeit im Nityaseva Hospital liegt nun genau eine Woche zurueck. Mittlerweile bin ich im Sueden Indiens angelangt und im Moment sitze ich in einem Bastsessel am weissen Sandstrand unter Palmen, trinke Zitronenlimonade und hoere dem Rauschen der Wellen zu. Die perfekte Kulisse, um ein paar abschliessende Gedanken zu meinem Auslandseinsatz in Worte zu fassen.

Wenn ich mich im Nachhinein frage, was eigentlich genau meine Erwartungen waren, bevor ich nach Indien gekommen bin, kann ich das gar nicht mehr so genau sagen. Sie sind den ganzen Bildern, Geschichten und Eindruecken gewichen, die ich in dieser Zeit sehen, hoeren und erleben durfte. In einem Punkt bin ich mir aber ganz sicher: Ich haette nie gedacht, dass ein Trip nach Indien so unkompliziert sein kann. Die Organisation hat kaum Aufwand erfordert und war absolut ausreichend. Meine Anreise verlief ohne Probleme, von Anfang an war fuer meine Unterkunft und Verpflegung gesorgt, meine Arbeit im Krankenhaus wurde mit Ruecksicht auf meine Wuensche geplant, kurz: es haette nicht einfacher sein koennen. Dadurch konnte ich mich von Anfang an auf die Arbeit konzentrieren, was mir natuerlich sehr entgegen kam.

Was mir im Krankenhaus besonders aufgefallen ist, dass mich das nachlaessige Arbeiten und der unfreundliche Umgang mit den Patienten irritiert haben, ich dagegen grossen Respekt davor habe, wie gut alles als Gesamtes betrachtet doch funktioniert, habe ich in meinen Berichten mehrfach ausgefuehrt. Dennoch halte ich ein paar Dinge fuer erwaehnenswert, die mir erst am Ende meiner Zeit in Shevgaon wirklich deutlich geworden sind. Ich habe immer wieder erzaehlt, wie sehr man sich darum bemueht hat, mir alles zu zeigen, was es im Krankenhaus interessantes zu sehen gibt. Es schien den Schwestern auch Spass zu machen, mich ueberall miteinzubeziehen und mir das Krankenhaus von seiner besten Seite zu zeigen. Allerdings hat man auch immer wieder betont, dass man das alles nur mache, weil ich in der Ausbildung zur Krankenschwester und damit eine "medical person" sei. Gegen Ende meines Aufenthaltes bin ich mit einer Krankenschwester ins Gespraech gekommen, die sich sehr bitter darueber ausgelassen hat, wie viele junge Europaeerinnen ohne Ausbildung zu ihnen kommen und glauben, ueberall mitmischen und sozusagen auch mal Arzt spielen zu duerfen, nur weil sie in einem Land seien, von dem sie glauben, es habe sowieso keinerlei Versorgungsstandards. In unseren Laendern wuerde das ja auch keiner zulassen. Es hat mir sehr Leid getan, dass sie das so gesehen hat, und ich habe versucht, ihr zu erklaeren, dass das sicher nicht die alleinige Intention der Besucherinnen sei, sondern dass viele lediglich versuchen, das Sammeln medizinischer Erfahrung mit Reisen zu verbinden. Doch leider muss ich auch zugeben, dass ihre Argumentation nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Viele Menschen hier scheinen sich sehr schmerzlich darueber bewusst zu sein, was man bei uns fuer ein Bild von ihrem Land hat, und sind sehr bemueht darum, einen serioesen Eindruck zu hinterlassen. So wurde ich zum Beispiel mehrfach darum gebeten, nur schoene Bilder vom Krankenhaus zu zeigen und nichts Schlechtes zu erzaehlen. Sicher entsprechen meinen Berichte diesem Wunsch eher weniger, aber ich habe mich bemueht, ein realistisches Bild von diesem Ort zu entwerfen und hoffe, dabei allen gerecht geworden zu sein. Man muss an dieser Stelle vielleicht dazu sagen, dass auch ich oft auf Menschen gestossen bin, die ein sehr verzerrtes Bild von Europa und vor allem von Europaeerinnen haben. Natuerlich wird dieses Bild massgeblich von Touristinnen mit gepraegt. So glauben zum Beispiel viele junge Maedchen, dass wir in Europa im Bikini zur Schule gehen, immerhin gehen die Frauen in Goa ja auch im Bikini einkaufen. Oder man glaubt, dass es Gang und Gaebe sei, dass Frauen auf Partys oben ohne tanzen um spaeter irgendeine fluechtige Bekanntschaft mit aufs Hotelzimmer zu nehmen. Da wundert man sich auch kaum noch ueber die teilweise wirklich dreisten Annaeherungsversuche vieler Maenner. Ueber europaeische Maenner habe ich interessanterweise nie solche Geschichten gehoert. Offensichtlich misst man deren Verhalten nicht die gleiche skandaloese Bedeutung bei.

Wenn ich darueber nachdenke, was dieser Auslandseinsatz mir persoenlich gebracht hat, fallen mir auf Anhieb zwei wesentliche Punke ein: ich habe viel Beruehrungsaengste verloren und ich habe gelernt, mich bei voelliger Ahnungslosigkeit bestmoeglich zurechtzufinden und anzupassen.
An einer Stelle habe ich bereits geschildert, wie viel Unsicherheit bei uns oft herrscht, und wie sich diese Unsicherheit manchmal schon fast laehmend auswirken kann. Auch wenn ich mir nie Sorgen wegen Zaehneputzen gemacht habe, bin auch ich sicher nicht frei von solchen Aengsten gewesen. Hier habe ich so viele Menschen gesehen, die einfach tun, was sie gelernt haben, auch wenn sie nicht annaehernd ein tieferes Verstaendnis dafuer besitzen. Ich habe zur Genuege demonstriert bekommen, dass es viel seltener zu wirklich drastischen Komplikationen kommt, als ich angenommen habe, und selbst dann muss man sich vielleicht sagen, dass es der Versuch wert war. Dass es natuerlich in jedem Fall vorzuziehen ist, Dinge zu tun, die man auch verstanden hat, erwaehne ich nur der Form halber. Trotzdem wuerde ich jetzt im Zweifelsfall immer eher das Wenige tun, was ich kann, auch auf die Gefahr hin, einen Fehler zu machen, als gar nichts zu tun. Natuerlich nur, wenn es wirklich darauf ankommt.
Sich bei voelliger Ahnungslosigkeit anpassen zu koennen klingt zunaechst nicht unbedingt nach einem erstrebenswerten Ziel. Und doch glaube ich, dass ich es unter anderem dieser Faehigkeit zu verdanken habe, dass ich mich ueberall so schnell zurechtgefunden habe. Ich habe immer versucht, soweit es bei meinem auffaelligen Aeusseren eben geht, moeglichst wenig Aufsehen zu erregen, bin ueberall ganz selbstverstaendlich mitgegangen und habe mich bemueht, nie sonderlich erstaunt oder gar schockiert zu wirken. Je besser mir das gelungen ist, desto selbstverstaendlicher hat man mich auch mitarbeiten lassen. Sobald ich irgendwo eine Spur zuviel Unsicherheit oder Verwirrung gezeigt habe, hat sich das sofort auf die Krankenschwestern uebertragen. Vielleicht muss ich an dieser Stelle noch einmal erwaehnen, dass wir uns kaum mit Worten verstaendigen konnten. Einfach mitzuarbeiten war auf jeden Fall das Beste, was ich tun konnte, und im Nachhinein kann ich es kaum glauben, dass ich auf keiner Station laenger als vier Tage war.

Natuerlich habe ich von diesem Einsatz auch in vielerlei mehr Hinsicht profitiert, aber das wuerde den Rahmen nun endgueltig sprengen. Die Kombination der Arbeit, durch die ich einen so besonderen Einblick in dieses Land gewinnen konnte, mit meinem anschliessenden Urlaub, der mich durch eine unbeschreibliche Vielzahl an verschiedenen Landschaften fuehrt, machen diese Reise fuer mich zu einem absolut unvergesslichen Erlebnis. Ich danke euch, dass ihr mich auf dieser Reise ein Stueck weit begleitet habt und freue mich darauf, euch bald alle wiederzusehen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen