Dienstag, 7. Mai 2013



Hallo liebe Blogleser!

Meine Zeit am Nityaseva Hospital neigt sich dem Ende zu, der Koffer ist schon halb gepackt und ich kann gar nicht glauben wie schnell auf einmal alles geht. Ich denke aber, das Gefühl, dass sie Zeit schnell vergeht ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen und auch ein Beweis dafür, dass ich mich hier wohl gefühlt habe. Nun möchte ich endlich von meinen Erfahrungen im Kreißsaal berichten.

Grundsätzlich kann man den "Delivery Room" schwer mit einem Kreißsaal in Deutschland vergleichen. Der größte Unterschied ist wohl die aus unserer Sicht nicht vorhandene Privatssphäre. Es gibt nur einen großen Raum mit acht Betten und von den Vorhängen als Sichtschutz wird nur äußerst selten Gebrauch gemacht. Dieser Eindruck relativiert sich aber wenn man bedenkt, wie eng die Menschen auch sonst hier zusammenleben. Auch die Geburtenzahl von über fünftausend ( 2012: 5430 Entbindungen) ist bemerkenswert. Nach meinen Recherchen kommen in keinem deutschen Krankenhaus pro Jahr so viele Kinder auf die Welt. ( zum Vergleich: Charite Berlin 4700). Personaltechnisch ist der Kreißsaal folgendermaßen organisiert: Schwester Sunanda hat sozusagen den Chefposten inne und trägt die Verantwortung für die 10 Krankenschwestern. Auch Hira, eine "Mauschi" ( geschrieben wie gesprochen, die Schwestern sagen auch "Working Woman") gehört zum Team. Denn was die anderen Praktikantinnen vor mir auch schon beobachtet haben kann ich nur bestätigen. Nirgendswo wird so viel geputzt wie im Delivery Room.

Hebammenarbeit, wie wir sie in Deutschland  kennen, findet hier im Krankenhaus nicht statt. Die Frauen kommen zur Entbindung, wenn Komplikationen auftreten ist ein Arzt in der Nähe. Die Entbindung leitet eine Krankenschwester, manche sind sehr jung und befinden sich noch in der Ausbildung.  Was die Versorgung des Kindes betrifft steht die Schwiegermutter mit ihren Erfahrungen zur Seite, das meiste - auch die Geburt müssen die Frauen aber allein durchstehen.  

Emotionen haben in diesem Umfeld wenig Raum und auch besonders dadurch, dass die Patientinnen meist noch sehr jung sind, wird einem ständig vor Augen gehalten, wie wenig selbstbestimmt die Frauen in den meisten Fällen sind. Es wird als ihre Bringpflicht betrachtet, Kinder auf die Welt zu bringen. Im Kreißsaal ist man ganz dicht an der Problematik, dass Jungen bevorzugt werden und es tut einem schon weh, zu sehen, wenn eine Familie für eine siebzehnjährige Mutter nur einen bösen Blick übrig hat, als sie sehen, dass das Kind ein Mädchen ist. Manchmal scheint es mir, als ob es als böse Absicht der Mütter aufgefasst wird, wenn das Kind kein Junge ist. Um Komplikationen zu vermeiden - konkret, damit keine der Frauen nach der Entbindung kollabiert, wird das Geschlecht erst später "verraten".

In vielen Situationen wünsche ich mir von Seiten der Schwestern mehr Einfühlungsvermögen. Der Umgangston ist manchmal schon sehr rau - nicht unter den Schwestern sondern gegenüber den Patientinnen. Am Anfang habe ich mich auf eine Art und Weise als Fremde gefühlt, ich glaube mit einem anderen kulturellen Hintergrund verhält man sich in einigen Situationen einfach gewohnheitsgemäß anders. Aber gerade dadurch kam es auch zu Momenten die mich sehr berührt haben. Ins Krankenhaus kommen viele "Primi" Patientinnen, also Frauen- oder Mädchen, die ihr erstes Kind bekommen. Auch wenn Händchenhalten aus medizinischer Sicht keine große Hilfe ist,  lässt mich ein " Thank you, Sister" oder ein erschöpftes Lächeln doch hoffen, dass sich die Frauen vielleicht später daran erinnern, dass es zumindest ein bisschen einfacher ist, wenn man sich nicht ganz allein fühlt. Wenn man diese Kontraste erlebt ist es umso schöner, wenn man sich über solche guten Momente freuen kann. Oder darüber wie lieb wiederum einige Schwestern mit den Patientinnen umgehen. Bei einem guten Gespräch mit Sister Mary berichte ich von meinen Eindrücken und sie erzählt davon, wie groß manchmal die Herausforderung ist, alle "in ein Boot" zu holen. So manch einmal musste ich auch schmunzeln, zum Beispiel als mich eine Frau die gerade erst entbunden hat mich -noch völlig aus der Puste- zu sich nach Hause zu Tee einlädt. Oder als nach einer großen Putzaktion kurzerhand auf dem Fußboden die Picknickdecken ausgebreitet werden.

Mittlerweile kann ich ganz gut mithelfen, auch wenn mein medizinischer Hintergrund noch klein ist, habe ich das Gefühl, schon eine Menge dazugelernt zu haben. Auch aus der Zeit im Nursery Ward habe ich einiges mitgenommen, was mir hier nützlich ist. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bei wie vielen Geburten ich dabei war und wie unterschiedlich sie verlaufen können, dann bin ich mir sicher, dass ich auch durch das viele Beobachten z.B. in meiner Ausbildung von diesem Praktikum profitieren kann. Ich hatte auch wie erwartet viele Gelegenheiten, im Op bei Kaiserschnitten und anderen (vorwiegend gynäkologischen) OPs dabei zu sein.

Jetzt, wo ich in den letzten Wochen viel Zeit im Krankenhaus verbracht habe, fühlt sich der Gedanke, dass das Praktikum fast vorbei noch ganz neu an. Morgen werde ich noch einen Tag im Kreißsaal sein und abgesehen davon bin ich schon mit den Vorbereitungen für meine Abreise beschäftigt. Auch Kekse backen gehört dazu. Am Sonntag erst habe ich mich in der Küche ausprobiert und zur Freude der Schwestern einen Mangokuchen ausgegeben.

Wenn ich wieder in Deutschland bin, möchte ich hier im Blog noch einmal auf meine Zeit in Indien zurückblicken.

Bis dahin alles Gute!
Viele Grüße aus Shevgaon,
Rieke











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